Lisa Schönmeier, 29 Jahre, aus Bamberg, arbeitet seit Oktober 2010 im Rahmen eines Berufseinsteigerprogramms als Kommunikationsassistentin in der Zentrale von Malteser International in Köln. Für drei Wochen ist sie nun unterwegs im Südsudan, der am 9. Juli 2011 seine Unabhängigkeit erlangt hat, um die Hilfsprojekte vor Ort kennenzulernen und die Aufbruchstimmung in diesem jüngsten Staat Afrikas einzufangen.
Bereits seit 15 Jahren setzt sich Malteser International für ein verbessertes Gesundheitssystem im Südsudan ein. Dabei reicht das Engagement vom Aufbau von Gesundheitsstrukturen über die Bekämpfung von Lepra, Malaria, Tuberkulose, HIV/AIDS und Schlafkrankheit bis hin zur Verbesserung der Mutter–Kind–Gesundheit.

Juba, 14. Juli 2011
Nach 12 Stunden Flug bin ich heute Mittag auf dem Malteser Gelände in Juba angekommen – zumindest körperlich. Geistig lasse ich den Donner des Sommergewitters, der gerade über mich hinwegrollt, das Meckern der Ziegen mit ihren Jungen und die Rufe der Hähne auf mich einwirken. Auch Autos, spielende Kinder und Passanten, die vorbei schlendern, tragen zur Geräuschkulisse bei: Juba, die Hauptstadt des jüngsten afrikanischen Landes, ist voller Leben. Die neue Unabhängigkeit hat bereits ihre Spuren hinterlassen: Die Straßen sind mit Plastikblumen geschmückt, Plakate zelebrieren die neue Republik. Und dank vorzüglich geregelter Einreiseformalitäten konnte ich den Flughafen mit meinem großen Rucksack binnen weniger Minuten verlassen - eine absolute Neuheit, so lasse ich es mir von meinen Malteser Kollegen bestätigen.
Der Südsudan heißt mich also von seiner besten Seite willkommen. Und eine neue beste Freundin habe ich auch schon: eine sehr verschmuste kleine schwarz-weiße Katze. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase auf dem Gelände von Malteser International in Juba geht es morgen direkt weiter nach Maridi, knapp 300 Kilometer von Juba entfernt, nahe der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo. Die Malteser packen hier kräftig mit an, um die Gesundheitsversorgung im Land voranzubringen. Wie die Hilfe dort ankommt? Dazu bald mehr!
Maridi, 15. Juli 2011
Heute verlassen wir die Hauptstadt bereits wieder. Meine Reise führt mich zu unserem Projektbüro in Maridi. Die knapp 300 Kilometer lange Fahrt verläuft problemlos und wir schaffen es – fast unglaublich - innerhalb von „nur“ fünf Stunden. „Wir“, das sind Jan Kleinheisterkamp (Malteser International Länderkoordinator im Südsudan), Wiltrud Gutsmiedl (Referentin für den Südsudan) und ich. Dank Allradantrieb und eines guten lokalen Fahrers bleiben größere Pannen aus. Doch je weiter wir uns von der Hauptstadt entfernen, umso häufiger werden die Schlaglöcher in den staubigen Straßen.
Hinter uns ziehen wir eine Staubwolke aus dem roten Erdboden des Südsudan her – in ihr verschwinden meine ersten Bilder vom Südsudan, die sich mir entlang der Straße bieten: eine Gruppe von Männern, die stolz auf ihr neues Land sind – auch wenn sie noch die alte sudanesische Flagge schwenken; eine Rinderherde und unzählige Ziegen in allen Variationen; Frauen mit großen gelben oder blauen Wasserkanistern auf dem Kopf; Kinder, die mit langen Stöcken und lautem Geschrei einen kleinen Ball hin und her bolzen. Abends falle ich müde in mein Bett und unter mein Moskitonetz in Maridi - und ganz allmählich legt sich auch der rote Staub - und die Eindrücke von unterwegs kehren klar und deutlich zurück.
Maridi, 16. Juli 2011
Heute Morgen besuche ich zuallererst das Büro von Malteser International in Maridi. Hier schlage ich für die kommende Woche meine „Einsatzzentrale“ auf. Unser Büro liegt direkt neben dem von uns unterstützten Krankenhaus, in dem an Tuberkulose oder HIV/AIDS infizierte Patienten behandelt werden.
Trotz Wochenende kommt der „Monitoring Officer“ von Malteser International, Taban Charles Millimon, vorbei. Er erzählt mir, dass dieses Gesundheitszentrum inzwischen in der Gegend sehr bekannt ist. Denn es hat sich in den vergangenen Jahren in den Dörfern herumgesprochen, dass die Menschen hier Hilfe bekommen. Gemeinsam mit Taban mache ich einen kleinen Rundgang. Die Patienten werden hier gut versorgt – davon kann ich mich mit eigenen Augen überzeugen. Ein Mann im Rollstuhl genießt die frische Luft auf der Veranda, eine Gruppe Frauen sitzt im überdachten Nebengebäude zusammen, während ihre Kinder rings um sie herum spielen.
Am Nachmittag kaufe ich im Stadtzentrum Maracujas. Unterwegs komme ich zufällig an einem kleinen, weißen Gebäude mit blauem Dach vorbei. Hier wird noch fleißig gekehrt und aufgeräumt, denn – so erfahre ich später – bald soll das Gebäude feierlich eröffnet werden: Es ist das neue Gebäude für die lokale Gesundheitsbehörde. Auf dem Schild, welches vor dem Gebäude angebracht ist, lese ich: Malteser International setzt den Neubau um.
Maridi, 18. Juli 2011
Die ersten Tage in Maridi liegen hinter mir. Inzwischen habe ich mich schon etwas eingewöhnt: Ich weiß jetzt, wie ich zum „freedom square“ komme, dem zentralen Platz, auf dem die verschiedenen Stämme der Gegend zur Unabhängigkeit ihre traditionellen Tänze aufgeführt haben. Und ich weiß auch, wie ich von dort zum Malteserbüro mit den kleinen rosa Blumen vor dem Eingang gelange. Von dort aus ist es dann nur noch ein Katzensprung bis zum Teamhaus von Malteser International - gleich neben einem großen Guaven-Baum mit - leider - nur fast reifen Früchten.
Nach meinen großen "Errungenschaften" in Sachen Orientierung und Ortskenntnis bin ich nun also bereit, auch die vielen entlegenen Gebiete, in denen die Malteser rund um Maridi tätig sind, zu erkunden. An insgesamt 19 Standorten bauen wir hier kleine und größere Gesundheitszentren auf und die lokalen Dorfgemeinschaften packen kräftig mit an. Sie steuern zum Beispiel Sand aus der Gegend oder selbst gefertigte Ziegelsteine zum Bau bei und halten das Gesundheitszentrum und die unmittelbare Umgebung sauber. „Ownership“ nenn man das, wenn die lokalen Dorfgemeinschaften sich verantwortlich fühlen für das Projekt und eng mit der Hilfsorganisation zusammenarbeiten. Vorbildlich funktioniert das unter anderem in den zwei Dörfern – Rastigi und Olo – in denen ich direkt einem Treffen des Dorfkomitees beiwohnen darf. Ich bin überrascht, wie strukturiert und professionell es hier zugeht: Die Mitglieder der Komitees wissen genau, was bereits geschafft ist und was als nächstes angegangen werden sollte. Das Dorf Olo braucht zum Beispiel dringend einen eigenen Brunnen, denn die Dorfbewohner wissen, dass sie vom Wasser aus dem Bach nebenan krank werden können.
Genau deshalb sind sauberes Wasser und gute Hygiene ein wichtiges Thema beim Bau von Gesundheitszentren. Denn nur so können Neuerkrankungen verhindert werden. An allen 19 Standorten gehören daher Regenwassersammeltanks und Latrinen zur Grundausstattung der neuen Gesundheitszentren.

Maridi, 20. Juli 2011
Heute ging es ganz weit raus in die afrikanische Wildnis zu dem am weitesten von Maridi entfernten Gesundheitszentrum, das die Malteser hier in der Gegend bauen. Vier Stunden holprige Fahrt sind es bis nach Kosi, einem kleinen Dorf, das dringend eine Gesundheitsstation benötigt. Hier spreche ich mit Yemima Guli, der Tochter der Dorfhebamme, die mit ihrem ein Jahr altem Sohn Kenneth Angutuwa bis nach Woko gehen musste, um sein Fieber und seinen Husten behandeln zu lassen. Denn in Woko ist das Gesundheitszentrum, welches Malteser International zusammen mit den Dorfbewohnern gebaut hat, schon in Betrieb; dort gibt es sogar eine Station nur für Mütter und ihre Kinder. Dem kleinen Kenneth geht es schon wieder besser. Nur ein bisschen Husten hat er noch.
Die beiden Dörfer Kosi und Woko liegen eigentlich nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Doch für Yemima ist der Besuch in der Gesundheitsstation im Nachbardorf – egal ob zu Fuß oder auf einem Geländemotorrad - ein großes Unterfangen. Denn der Weg führt über Termitenhügel, durch hohes Schilfgras, durch ausgewaschene Schlaglöcher und Wasserstellen, die schon zu tief sind, um noch als Pfützen bezeichnet zu werden.
Deshalb freuen sich die Menschen in Kosi auch besonders, als sie das Malteserauto und mich sehen. Denn der Besuch der Malteser bedeutet für die Dorfbewohner: Es gibt Fortschritte auf dem Weg zu ihrer eigenen Gesundheitsstation.
Rumbek, 24. Juli 2011
Viel zu früh musste ich Maridi wieder verlassen. Doch ich habe so viele Eindrücke mitgenommen, die ich während meines Besuchs sammeln durfte. Während der Tage in Maridi habe ich viele Menschen kennen gelernt und sie alle hatten ihre Geschichte zu erzählen – egal ob Dorfältester, Mütter mit ihren Kindern, Gesundheitshelfer oder Stammesführer mit Häuptlingsstab in der Hand. Und so sehr sich ihre Geschichten auch unterscheiden, eines ist ihnen allen gemeinsam: Die Menschen blicken alle hoffnungsvoll in die Zukunft ihres neuen Landes, der Demokratischen Republik Südsudan. Eine positive Aufbruchstimmung liegt in der Luft und wird auf allen Ebenen mitgetragen.
Zwei Tage nach meinem Aufbruch aus Maridi bin ich heute nach stundenlanger Autofahrt über staubige „Straßen“, Übernachtung in der Hauptstadt Juba und einer bangen Stunde im doch etwas wackeligen Flugzeug endlich in Rumbek angekommen. Rumbek ist der nördlichste Projektstandort der Malteser im Südsudan. Hier steht viel auf meinem Programm. Doch zuallererst besuche ich die Laborschule, wo die Malteser momentan 21 Studenten aus unterschiedlichen Regionen des Südsudan zu Labortechnikern ausbilden. Und wer begrüßt mich wie ein alter Bekannter? Die neue positive Energie, die den Südsudan auch hier erfasst hat! Stolz präsentiert mir einer der Studenten die lokale Zeitung, in der es die Gratulationen zur Unabhängigkeit des Landes sogar bis in den Sportteil geschafft haben.
Rumbek, 26. Juli 2011
Die Menschen in Rumbek sind sehr groß und schlank. Ich kam mir noch nie so klein vor. Die Dinka - so heißen sie - sind eine der größten Volksgruppen in der Gegend. Viele der Männer sind gezeichnet mit Initiations-Narben, die waagrecht über ihre Stirn verlaufen. Die Frauen tragen Halsketten aus vielen kleinen, bunten Perlen. Bei meinem Streifzug heute Morgen über den Markt finde ich neben Bohnen, Reis und lebenden Hühnern auch diese Ketten. Es gibt sie in allen möglichen Längen und Farben. Ich kaufe eine in grün, rot und schwarz – den Nationalfarben des Südsudan.
Am Nachmittag begleite ich unseren “Lepra Officer“ Daniel Lueth Malnal in das rund eine Stunde Autofahrt entfernte Dorf Malek. Es ist eines der Dörfer, das die Malteser im Rahmen einer Aufklärungskampagne besuchen. Daniel spricht mit den Dorfbewohnern über die Symptome und Übertragungswege von Lepra und Tuberkulose sowie Behandlungsmöglichkeiten. Diese in Europa fast vergessenen Krankheiten sind im Südsudan immer noch stark verbreitet.
Daniel gehört auch zu den Dinka und wird deshalb von der einheimischen Bevölkerung schnell akzeptiert. Im Schatten eines großen Baumes, umringt von mehreren Dutzend weißen Kühen, hört die Dorfgemeinschaft Daniel zwei Stunden lang aufmerksam zu und stellt viele Fragen. Die Bewohner erzählen von Krankheitsfällen in ihren Familien: vom Großvater, der ständig hustet – ein klares Anzeichen für Tuberkulose - oder dem Kind, das Flecken auf der Haut hat – ein deutlicher Hinweis auf Lepra. Die nächste Krankenstation ist weit entfernt. Deshalb wird sich Daniel darum kümmern, dass sie Medikamente bekommen, denn beide Krankheiten sind mit den richtigen Medikamenten vollständig heilbar!

Rumbek, 28. Juli 2011
Auf dem Maltesergelände in Rumbek wohne ich in einem Tukul. Tukuls, das sind die kleinen Hütten der lokalen Bevölkerung mit Wänden aus Lehm oder Bambus und einem Dach aus getrocknetem Gras. In diesen Grasdächern halten sich gerne auch kleinere sandfarbene oder größere blau-orange-schillernde Echsen auf, die nachts – zusammen mit Fröschen und Kühen - für die typisch afrikanische Geräuschkulisse sorgen. Innen ist mein Tukul erstaunlich geräumig: Es gibt Platz für ein Bett mit Moskitonetz, einen Tisch und ein Regal.
Tukuls gibt es in vielen verschiedenen Größen. Davon kann ich mich mit eigenen Augen in der Leprakolonie überzeugen, welche die Malteser in der Nähe von Rumbek unterstützen. Die Menschen aus der Leprakolonie sind gerade erst wieder an den Ort zurückgekehrt, wo sie vor vielen Jahren lebten. Wegen der Unruhen und des Krieges im Land waren sie zwischenzeitlich vertrieben worden. Doch jetzt hat sich die Lage wieder beruhigt.

„Wir mussten lange Zeit im Freien schlafen, im Regen und in der brütenden Hitze“, erzählt mir die 84jährige Achol Mading, die sich sogar noch an die Zeit der britischen Kolonialherrschaft erinnern kann. „Dank der Malteser haben wir jetzt unsere eigenen Tukuls. Sie haben uns Bambus und Gras für den Bau der Tukuls gegeben“, berichtet sie weiter. Es gibt ein größeres Gemeinde-Tukul, die restlichen Tukuls variieren leicht, je nach Stand der Familie. Selbst die Hühner haben ihr eigenes, auf Stelzen gebautes Tukul.
Achol Mading hat auch einen Garten, in dem sie mit ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln Erdnüsse, Okra und Mais anbaut. So ist sie und die gesamte Leprakolonie mit eigener Ernte und einem Dach über dem Kopf auf einem guten Weg in eine selbstständige, gesunde Zukunft.
Köln, 07. August 2011
Heute, eine Woche nach meiner Abreise aus dem Südsudan kann ich meine vielen Eindrücke mit etwas Abstand betrachten. Ich habe die leiseren und die lauten Erlebnisse und die vielen verschiedenen Farben Afrikas – das hellgrüne mannshohe Schilfgras in Maridi, die endlosen Straßen aus roter Erde, die vielen weißen Rinder in Rumbek und natürlich das strahlende Lächeln der Menschen – zusammengefügt und habe eine Quintessenz dessen, was meine Reise ausgemacht erlangt: Es der Ausdruck in den vielen Kinderaugen, die trotz schwieriger Lebensbedingungen und der langen gewaltsamen Geschichte des Landes positiv in eine neue Zukunft blicken. Sie begegnen mir mit…
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