Pakistan - Christine Prokopf

Vorbeugen ist besser als Heilen – Von der Fluthilfe zur Katastrophenvorsorge im Swat-Tal

Christine Prokopf hat für Malteser International Projekte im Swat-Tal besucht. Foto: Jorge Scholz
Christine Prokopf hat für Malteser International Projekte im Swat-Tal besucht. Foto: Jorge Scholz

Reisebericht zum Projektbesuch im Norden Pakistans sieben Monate nach der Flut

„Du fährst ins Swat-Tal? Bist du sicher, dass du das machen willst?“ – mit dieser Frage werde ich vor meiner Projektreise nach Pakistan im März 2011 einige Male konfrontiert. Also erkläre ich: Dass ich als Kommunikationsassistentin für ein Jahr bei Malteser International arbeite – das ist das Hilfswerk des Malteserordens für humanitäre Hilfe. Dass ich für einige Wochen in unser Projektgebiet fahren darf, um vor Ort das zu sehen und zu erleben, worüber ich bisher nur aus zweiter Hand berichten konnte. Dass ich Fotos machen und Geschichten aufschreiben werde, um den vielen Pakistanspendern zu zeigen, dass ihr Geld ankommt und gebraucht wird. Dass ich Respekt vor der Aufgabe habe, mich aber generell darauf freue. Und dass ich ja nicht alleine bin, sondern in den besten Händen bei unserem Team vor Ort, das mir die Projekte zeigen wird. Zum Glück kann ich damit überzeugen: „Das wird bestimmt spannend, dann komm heil zurück!“

Pakistan - „meine“ erste Katastrophe

Das breite Flussbett des Swat zeugt noch von der Wucht der Wassermassen, die Häuser und Felder mit sich rissen.
Das breite Flussbett des Swat zeugt noch von der Wucht der Wassermassen, die Häuser und Felder mit sich rissen.

Pakistan begleitet mich bei Malteser International schon seit Juli 2010. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete ich dort noch nicht lange, die Monsunflut war die erste große Katastrophe, die ich als Teil der humanitären Hilfe miterlebte. Für Malteser International war Pakistan hingegen kein Neuland: Bereits seit dem großen Erdbeben 2005 in Kaschmir arbeitet die Organisation dort und leistet Not- und Wiederaufbauhilfe nach größeren, aber auch kleineren Katastrophen, die es in Europa kaum in die Medien schafften.

Frühjahr 2009: Das Swat-Tal im Norden Pakistans steht im Blick der Weltöffentlichkeit. Islamistische Aufständische, die im Westen meist unter der Bezeichnung Taliban geführt werden, hatten dort die Kontrolle übernommen und die pakistanische Armee ging nun dagegen vor. Fast die komplette Zivilbevölkerung wurde für einige Monate vertrieben.
Sommer 2010: Viele der Menschen, die von den Überschwemmungen betroffen sind, haben gerade erst die Schäden dieser Kämpfe beseitigt und begonnen, die unzähligen Verluste zu verarbeiten, als sie von der verheerenden Flutkatastrophe heimgesucht werden.

Die akute Not der Menschen geht vor

Die Pfirsichblüte als Zeichen der Hoffnung: Auch die Landwirtschaft erholt sich von den Schäden der Kämpfe 2009 und der Flut 2010.
Die Pfirsichblüte als Zeichen der Hoffnung: Auch die Landwirtschaft erholt sich von den Schäden der Kämpfe 2009 und der Flut 2010.

Malteser International will eigentlich im Sommer 2010 seine medizinische Nothilfe für diese Binnenflüchtlinge und Rückkehrer abschließen und zu langfristigeren Projekten des Wiederaufbaus und der Katastrophenvorsorge übergehen. Doch diese müssen nun warten, die akute Not der Menschen in Swat geht vor. Schnell stellen die Malteser die medizinischen Teams wieder auf und organisieren die ersten Verteilmaßnahmen. Die Spenden dafür fließen zuerst spärlich, dann reichlicher, als das Ausmaß der Flut klar wird und die Hilfsorganisationen zeigen können, dass die Spendengelder direkt in Hilfe für die betroffenen Menschen umgesetzt werden. Hier komme ich wieder ins Spiel, an meinem Computer in Köln sitzend. Zusammen mit meinen Kollegen informiere ich darüber, was wir tun, um die Not der Menschen zu lindern und sie vor Gefahren wie dem Ausbruch der Cholera zu bewahren. Nun, ein dreiviertel Jahr später, erhalte ich die Gelegenheit, mit eigenen Augen die Menschen zu sehen, die unsere Unterstützung brauchen.

Pakistan ist eigentlich kein sehr armes Land. In der westlichen Welt dominiert das Bild des Staates, der sich Atomwaffen leistet, der wegen seiner Nähe zu Afghanistan bedeutsam ist und irgendwie unberechenbar scheint. Doch Pakistan ist auch ein Land, das regelmäßig von kleineren und größeren Katastrophen heimgesucht wird, die viele Menschen in Not bringen und es rechtfertigen, dass wir uns für diese Betroffenen einsetzen. „Missmanagement und Korruption in der Verwaltung“ – so bringen unsere lokalen Mitarbeiter das größte Problem ihres Landes auf den Punkt. „Die Naturkatastrophen können wir nicht verhindern“, erklärt mir Irshad Ali, Ingenieur im Büro in Islamabad.

Nothilfe mit Entwicklungsperspektive

Eine eingestürzte Brücke ist mehr als zerstörte Infrastruktur: Sie schneidet die Menschen aufder anderen Seite von Gesundheitsstationen, Schulen und Märkten ab.
Eine eingestürzte Brücke ist mehr als zerstörte Infrastruktur: Sie schneidet die Menschen aufder anderen Seite von Gesundheitsstationen, Schulen und Märkten ab.

Deswegen beschränkt sich Malteser International nicht auf die Hilfe in der Notsituation, sondern möchte darüber hinausgehen – und ich bin zum richtigen Zeitpunkt gekommen, um den Übergang zu beobachten. Wenn die Ärmsten des Landes in Not geraten, weil ihnen eine Flut das wenige, was sie materiell besitzen, nimmt und ihre Gesundheit gefährdet, dann brauchen sie sofort Hilfe. Mit umfangreicher Nothilfe haben die Malteser hier ihren Beitrag geleistet. Doch nun geht es darum, die Menschen beim Wiederaufbau zu unterstützen. Dabei wollen wir keine Abhängigkeiten schaffen, sondern sie dazu befähigen, ihre Bedürfnisse zu erkennen und diese dann gegenüber den Behörden zu äußern. Ein Schwerpunkt für Malteser International wird daher zukünftig im Bereich der so genannten gemeindebasierten Katastrophenvorsorge liegen. Malteser International leitet die Menschen dabei an, miteinander zu diskutieren und zu analysieren, welche Risiken dem Dorf drohen und wie sie hier Vorkehrungen für das nächste Erdbeben, die nächste Flut, den nächsten Erdrutsch treffen können. Dann lassen sich Freiwillige beispielsweise in Erster Hilfe ausbilden, um beim nächsten Mal Verletzte versorgen zu können. So kann aus der Nothilfe eine nachhaltig sinnvolle Hilfe erwachsen.

Der lange Weg zur Gesundheitsstation

Im Frühjahr leiden viele Kinder wie der kleine Osama unter Atemwegsinfektionen.
Im Frühjahr leiden viele Kinder wie der kleine Osama unter Atemwegsinfektionen.

Gesundheit ist ein Schwerpunkt von Malteser International in Pakistan und so begleite ich in Swat zunächst unsere medizinischen Teams in der Region Islampur. Während der Nothilfephase sandten die Malteser mobile medizinische Teams dorthin, wo der Bedarf durch die Flut akut war: In „mobilen Kliniken“ behandelten sie in Schulgebäuden oder Moscheen Patienten, klärten die Dorfbewohner über gutes hygienisches Verhalten auf und verhinderten so die Ausbreitung von Infektionskrankheiten.

Heute unterstützen unsere Teams die Mitarbeiter von drei öffentlichen „Gesundheitsstationen“. Diese sind die ersten Anlaufstellen für alle Kranken, dort werden die häufigsten, alltäglichen Krankheiten behandelt – ganz wie bei einem Hausarzt in Deutschland, nur eben für jeweils ungefähr 20.000 Menschen. Immer mehr Patienten kommen in den letzten Monaten, nun, da sie wissen, dass sie dort kompetent behandelt werden und kostenlose Medikamente erhalten. Dafür nehmen sie viele Wegstunden in Kauf, wie mir Nisar Gul berichtet. Er ist mit seiner Frau, zwei seiner sieben Kinder und zwei Nachbarskindern fünf Stunden gelaufen, um nun in der Gesundheitsstation Islampur von Dr. Yousaf Rehman untersucht zu werden. Die größeren Kinder leiden an Atemwegserkrankungen während das jüngste, das gerade 14 Tage alt ist, zum ersten Mal untersucht wird.

Die Freude, lernen zu dürfen, um Menschen gesünder zu machen

Ihre Gesundheit ist uns wichtig: Ein Mädchen aus dem Swat-Tal.
Ihre Gesundheit ist uns wichtig: Ein Mädchen aus dem Swat-Tal.

Ich frage mich, wie das System langfristig wieder alleine funktionieren kann. Die Antwort meiner Kollegen vor Ort ist ausführlich: Malteser International wird sich darauf konzentrieren, die von den Gesundheitsbehörden angestellten Mitarbeiter medizinisch besser zu qualifizieren und auf künftige Katastrophen vorzubereiten. So lernen sie in speziellen Trainings beispielsweise, in welchen Mengen bestimmte Medikamente jederzeit vorrätig sein sollten, um nach einer Katastrophe schnell regieren zu können und wie sie Schritt für Schritt vorgehen sollten, wenn sich in ihrem Einzugsgebiet eine ansteckende Krankheit ausbreitet. Damit ich mir dies vorstellen kann, nehmen mich meine Kollegen mit zu einem der Trainings. Dort wird gerade die Diagnose von übertragbaren Krankheiten besprochen, bevor am Ende jeder Teilnehmer feierlich ein Zertifikat erhält.

Ein zweiter Schwerpunkt der langfristigen Arbeit wird die Gesundheit von Müttern und kleinen Kindern sein. Schon jetzt sind ein Großteil der Patienten Frauen und Kinder, die bisher allerdings in den Stationen weder eigene Toiletten nutzen können, noch, wie es traditionell angemessen wäre, einen eigenen Warte- und Behandlungsbereich haben. Neben den bestehenden Gebäuden wird deshalb schon fleißig gebaut, damit in Zukunft genügend Platz ist, um die Frauen zu untersuchen, aber auch, um die Gemeindegesundheitshelferinnen weiterzubilden. Diese verbinden die Gesundheitsstationen mit den oft entfernt liegenden Dörfern und beraten die anderen Frauen wenn sie schwanger oder krank sind. Auch die Grundregeln der Hygiene stehen auf dem Stundenplan. Der Bedarf ist groß, wie mir die Ärztin der Malteser, Dr. Shumaila Akbar, erklärt: „Die Müttersterblichkeit und auch ihre Krankheitsrate ist in dieser Gegend sehr hoch!“

Mauern, um die Flüsse von Dörfern und Äckern fernzuhalten

Auf der Baustelle wird fleißig gearbeitet.
Auf der Baustelle wird fleißig gearbeitet.

Nach diesen langfristigen Aktivitäten muten die so genannten „early recovery“-Maßnahmen eher kurzfristig an. Lasoona, eine lokale Partnerorganisation von Malteser International, führt diese in mehreren Dörfern durch, in denen sie während der Katastrophe schon Hilfsgüter verteilt und die größte Not gelindert hatten. Die Mitarbeiter von Lasoona zeigen mir gerne die Projekte, die von der Flut zerstörte Infrastruktur wieder herstellen: Der Übergang über den Fluss verhindert, dass die Dörfer auf der anderen Talseite abgeschnitten werden, wenn die Schneeschmelze wieder mehr Wasser mit sich bringt, Mauern sollen ihn beim nächsten Hochwasser in seinen Bahnen halten, damit an Abhängen liegende Dörfer und fruchtbares Ackerland nicht davongeschwemmt werden. Bewässerungskanäle, vom Schlamm der Flut 2010 verstopft, können nun ihre Aufgaben wieder erfüllen. Die am stärksten von der Flut 2010 Betroffenen führen diese Arbeiten unter Anleitung von Lasoona aus und freuen sich über das Einkommen während der Bauzeit.

In einem zweiten Schritt erhalten bald Kleinbauern Saatgut, Dünger und landwirtschaftliche Werkzeuge, um das wiederhergestellte Ackerland zu kultivieren. Nur eine kurzfristige Maßnahme? Nein, denn der Nutzen wird gewiss langfristig sein, Dörfer und Felder schützen und die lokale Versorgung mit Nahrungsmitteln stärken.

Ja, wir gehen gerne zur Schule!

Ein Lächeln trotz Enge und Lärm im Klassenzimmer: Mumlikat ist Lehrerin an der Schule in Marghuzar
Ein Lächeln trotz Enge und Lärm im Klassenzimmer: Mumlikat ist Lehrerin an der Schule in Marghuzar

„Bildung ist der Schlüssel für Entwicklung“ – diese alte Weisheit kann ich auch in Pakistan beobachten. Durch die Kämpfe 2009 und die Überschwemmungen 2010 wurden viele Schulen in Swat beschädigt – Schulen, die gerade in den ländlichen Gebieten generell zu wenig Klassenräume und Sanitäranlagen hatten. Deshalb erweitert Malteser International vier Grundschulen in Swat, drei Mädchenschulen und eine gemischte Schule. Mehrere Tausend Kinder werden davon profitieren: sie müssen nicht mehr im Freien sitzen oder sich in den Klassenräumen drängen, manche können nun endlich die Warteliste verlassen und zur Schule gehen. Unterricht, so wie er eigentlich sein sollte, wird möglich – zur Erleichterung der Lehrer und Lehrerinnen, die unter der Enge und dem anhaltenden Lärm leiden: „Wir sind nicht alt, aber die Schule macht uns alt“, erklärt mir Mumlikat (35) mit einem Seufzer. „Wir freuen uns deshalb sehr über die Hilfe der Malteser.“

Zurück in Köln bin ich um viele Erfahrungen reicher und voller Eindrücke von den Projekten im Swat-Tal, den Gesprächen mit den Kollegen vor Ort und dem Hineinschnuppern ins pakistanische Alltagsleben. Ich habe viel Dank erhalten für die Arbeit von Malteser International vor Ort. Die Begegnungen mit den Menschen in Swat, für die wir unsere Projekte durchführen, haben mich berührt, ihre Neugier, ihre Offenheit und ihre Bereitschaft, meine vielen Fragen zu beantworten. Mögen sie fürs erste von Katastrophen verschont bleiben!

Kommentare

Nevaeh, 15-01-13 09:52:
I appreciate you tanikg to time to contribute That's very helpful.
Ali Rahman M&E officer Cordaid, 12-11-11 19:10:
Ofcours Malteser has done a marvelous job in swat valley especially at BHU islampur and the outskirts of UC Islampur in particular.Any task done for the welfare of the humanity is to be appreciated and encouraged.
Christine Prokopf, 16-06-11 15:55:
And I was very happy to be with your teams and see them working for those in need! Thanks again and all the best for your work in Swat!
And let's not forget all the French, Americans, Austrians and all the other people from around the world who are working for and supporting Malteser International and making our work possible!
dr.tariq wahab, 11-06-11 23:18:
Hats off to Malteser International for their great work in swat, in fact all over pakistan where they are working.
it has brought pakistan and german people more and more closer,at the end of the day...its humanity the biggest winner....proud to be part of Malteser and proud of what Malteser is doing and proud of being a humanitarian.
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