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"Migration und Flucht betreffen alle"

Sid Johann Peruvemba in der Klinik für syrische Flüchtlinge in Kilis an der türkisch-syrischen Grenze in der Türkei. Foto: Malteser International

65 Millionen Menschen waren Ende 2016 weltweit auf der Flucht, etwa zwei Drittel davon (40 Millionen) innerhalb ihres Heimatlandes. Über die Hilfe für die von erzwungener Migration betroffenen Menschen sprachen wir mit dem stellvertretenden Leiter von Malteser International, Sid Johann Peruvemba.

Wie hoch ist der Anteil der Folgen erzwungener Migration an der Arbeit von Malteser International?

Sehr hoch, und das schon lange bevor die sogenannte ‚europäische‘ Flüchtlingskrise die weltweite Situation in den medialen Fokus gerückt hat. Wenn man sich allein die von gewaltsamen Konflikten verursachten Migrationsströme anschaut, finden sich hier die humanitär katastrophalsten Situationen: Sei es Südsudan, Syrien oder Myanmar. Betroffen hiervon sind nicht nur einzelne Länder, sondern ganze Regionen. Über 80 Prozent der Flüchtlinge weltweit fliehen in Entwicklungsländer. Das ist eine enorme Herausforderung für die aufnehmenden Länder. Es gibt so gut wie kein Einsatzland von Malteser International, das nicht in irgendeiner Weise von Flucht und interner Vertreibung betroffen ist.

Was sind die hauptsächlichen Fluchtursachen?

Migration hat viele Ursachen: despotische Regime, Diskriminierung von Minderheiten, mangelnde gesellschaftliche Beteiligung an ökonomischem Fortschritt und schrumpfender Lebensraum durch klimabedingte Landschaftsveränderungen sind nur einige davon. 

Wie reagiert Malteser International auf die Situation der Flüchtlinge?

Flüchtlinge gehören zur Gruppe der besonders Schutzbedürftigen, ihre Lebensbedingungen sind in den meisten Ländern der Welt prekär. Das gilt nicht nur für die Menschen in den relativ ‚sichtbaren‘ Flüchtlingslagern, sondern auch für sogenannte urbane Flüchtlinge, die in den stetig wachsenden Slums der Mega-Metropolen der Welt ums Überleben kämpfen. Der Ansatz von Malteser International ist multidimensional. Einerseits geht es darum, notwendige Überlebenshilfe zu leisten, beispielsweise durch medizinische Versorgung oder Bereitstellung von sauberem Trinkwasser. Andererseits arbeiten wir in Kontexten, in denen sich eine Flüchtlingssituation über Jahrzehnte manifestiert hat und die internationale Hilfe zu einer extremen Abhängigkeit der Menschen von externer Versorgung geführt hat. Dass Flüchtlinge im Durchschnitt 10 bis 15 Jahre in einem Camp leben, ist völlig inakzeptabel. Ein Zeltlager oder provisorische Unterkünfte sind ein guter Schutz, aber eine schreckliche Heimat. Hier müssen neue Strategien und Methoden der Zusammenarbeit mit den aufnehmenden Ländern entwickelt werden.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten im Blick auf Flucht und Migration… 

Ohne Migration wäre ich selbst gar nicht auf der Welt. Vor allem wünsche ich mir eine Versachlichung der Debatte und ein ehrlicheres Narrativ. Wir müssen den Fokus auf lösbare Probleme legen und nicht auf abstraktes Risikoempfinden. Migrations- und Fluchtfragen betreffen alle, und deswegen brauchen wir einen breiten gesellschaftlichen Konsens über die Ansätze. Ich wünsche mir auch, dass die Aufnahme für nachweisbar politisch und religiös verfolgte Menschen nicht eingeschränkt wird, dass Hunger und Armut stärker vor Ort bekämpft werden und dass die Europäische Union zu einer sinnvollen Einwanderungsgesetzgebung kommt, die sowohl nationale als auch internationale Belange berücksichtigt und entwicklungsfördernd wirkt.

Das Interview führten wir am 06.12.2017

 

 

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