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Ein Jahr nach der Krise: Millionen Menschen in Afrika hungern noch immer

Es war die größte Hungerkrise seit Ende des Zweiten Weltkriegs: In neun Ländern Afrikas, darunter unsere Einsatzländer Kenia, Südsudan, Demokratische Republik Kongo, Nigeria und Kamerun, hungerten im Jahr 2017 mehr als 40 Millionen Menschen. Durch das schnelle Eingreifen internationaler Organisationen konnte eine große Katastrophe verhindert werden. Doch noch immer leiden Millionen Menschen in einigen afrikanischen Ländern an den Folgen der Dürre und den anhaltenden Konflikten.

Roland Hansen, Leiter der Afrikaabteilung von Malteser International, berichtet über die Situation in unseren Einsatzgebieten in Afrika: 

Roland Hansen im Gespräch mit Ordensschwester Grace in Wau, Südsudan. Foto: Malteser International

Herr Hansen, Sie verantworten die Hilfe von Malteser International in Afrika und sind selbst oft in der Region unterwegs. Wie haben Sie die Hungerkrise im vergangenen Jahr erlebt? 

"Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, als mich im Oktober 2016 meine Kollegin aus Kenia anrief und schilderte, was sie im Norden des Landes gesehen hatte. Überall lagen tote Nutztiere auf der ausgetrockneten Erde und die Menschen waren völlig verzweifelt, weil sie nicht mehr weiter wussten. Seit Monaten hatte es damals nicht mehr ausgiebig geregnet und die Nomaden mussten immer weitere Strecken zurücklegen, um Gras für ihre Ziegen und Schafe zu finden. Sofort haben wir damals eine erste Nothilfe gestartet und Lebensmittel und Trinkwasser verteilt.

Im September 2017 bin ich in den Südsudan gereist und konnte selbst sehen, was Hunger für die Menschen bedeutet. Dort verteilen wir täglich eine warme Mahlzeit an mehr als 5.000 Schulkinder. Für die meisten Kinder ist dies das Einzige, was sie den Tag über zu essen bekommen. Andächtig saßen sie in einer Schule in Wau, die ich besichtigte, vor ihren Tellern und aßen hoch konzentriert, im Speisesaal war es ganz still. Das hat mich tief bewegt.“ 

Können Sie kurz zusammenfassen, wie sich die Hungerkrise entwickelt hat? Was waren die Gründe, dass es zu einer Krise solchen Ausmaßes kommen konnte?

„Es gab 2017 insgesamt über 40 Millionen von der Hungerkrise betroffene Menschen in Afrika (siehe Grafik, Anmerkung der Redaktion) und an dieser Zahl hat sich bis heute leider nichts geändert. Der Grund für die Krise lag nicht ausschließlich darin, dass es in einigen Ländern wie etwa in Kenia zu wenig geregnet hatte. Vielmehr sind bewaffnete Konflikte wie im Südsudan oder in der DR Kongo bis heute nicht beigelegt worden. Anfang 2017 hatte sich die Situation so zugespitzt, dass im Südsudan tausende Menschen kurz vor dem Hungertod standen. Die Katastrophe konnte aber durch einen massiven Einsatz von humanitärer Hilfe abgewendet werden." 

Die Unterstützung der Hilfsorganisationen hat also schlimmeres verhindert. Wie stellt sich die Situation im Augenblick da
r?

"Die Dürre selbst ist vorbei, aber unter den Folgen leiden viele Menschen bis heute. Die Wasserspeicher am Horn von Afrika sind noch nicht wieder ausreichend gefüllt. Wenn die nächsten Regenzeiten wieder ausbleiben, führt dies unweigerlich erneut zu einer Hungerkrise. Auch weil die Reserven der Menschen, der Natur und der Tiere aufgebraucht sind. Im Südsudan sind nach wie vor Millionen Menschen auf der Flucht und können ihre Felder nicht bestellen. Die Flüchtlingszahlen steigen gerade wieder an. An eine Rückkehr der Menschen in ihre Heimat ist dort nicht zu denken."

Mehr als 40 Millionen Menschen hungern in Afrika (Stand Dezember 2017). Grafik: Aktion Deutschand Hilft

In vielen der betroffenen Ländern ist Malteser International seit vielen Jahren aktiv. Was tun wir, um den Menschen kurz- und langfristig zu helfen?

"Im Südsudan, Uganda und der Demokratischen Republik Kongo kümmern wir uns um zehntausende Geflüchtete und ihre Gastgemeinden und versorgen die Menschen mit Wasser und Nahrung oder kümmern uns um die medizinische Versorgung. An etwas stabileren Orten beginnen wir damit, die Landwirtschaft wieder anzukurbeln, damit die Menschen sich möglichst bald wieder selbst versorgen können.

In Uganda stellen wir uns darauf ein, dass die Flüchtlinge noch viele Jahre bleiben und in die ugandische Wirtschaft und Gesellschaft integriert werden müssen. Wir stellen unsere Hilfe deshalb auf Programme um, die längerfristig angelegt sind und Arbeitsplätze und Bildungsmöglichkeiten schaffen. 

Gleichzeitig muss die Umwelt, die unter dem Ansturm von über einer Million Flüchtlingen in Uganda leidet, geschützt werden. Flüchtlinge aus dem Südsudan haben hunderttausende Bäume gefällt und entweder für den Bau ihrer Unterkünfte verwendet oder als Feuerholz zum Kochen benutzt. In den Flüchtlingssiedlungen haben wir deshalb bereits mehr als 100.000 Bäume gepflanzt, damit die Gegend wieder aufgeforstet wird. In Gruppen werden wir die Menschen zudem für die verschiedenen Aspekte des Umweltschutzes sensibilisieren und alternative Einkommens-möglichkeiten anbieten, damit die Bäume nicht gleich wieder abgeholzt werden, wenn sie groß genug sind. Wir beziehen die lokalen Forstbehörden mit in unsere Arbeit ein, damit sie diese später fortsetzen."

Das sind erste Ansätze zur Hilfe, die aber kaum die Ursachen der Hungersnot bekämpfen können. Was müsste jetzt getan werden, um die Situation in den betroffenen Ländern dauerhaft zu verbessern?

„Die Beilegung der Konflikte durch eine Mediation wäre natürlich der wichtigste Schritt, aber das ist die Aufgabe der Politik. Ansonsten muss es grundsätzlich darum gehen, in den Krisenregionen und den Dürregebieten Afrikas die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung zu erhöhen. Gemeinsam mit den Menschen vor Ort schauen wir uns dabei die traditionellen Überlebensstrategien an und passen diese an die neuen klimatischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen an.

In Kenia empfehlen wir beispielsweise den Nomaden ihre Viehherden durch Vermarktung zu verkleinern, da die Weideplätze immer kleiner werden oder ihre Herden noch mehr auf die wiederstandfähigen Kamele umzustellen. So zeigen wir den Menschen eine Alternative auf, von der wir hoffen, dass es ihnen die Möglichkeit gibt, weiterhin dort zu leben, wo schon ihre Vorfahren gelebt haben und sich den klimatischen Gegebenheiten anzupassen."

Das Interview führte Katharina Kiecol (01. März 2018)


So helfen wir den Menschen in den Krisenregionen Afrikas:

Südsudan:

  •  Wir versorgen mehr als 5.000 Schulkinder mit einem warmen Mittagessen,
  •  bauten 19 Brunnen, 
  •  errichteten sechs Waschstationen,
  •  versorgen 26.000 Vertriebene mit Seife,
  •  bieten Psychosoziale Unterstützung für Kinder ab fünf Jahren an,
  •  verteilen landwirtschaftlichen Materialien und Wasser,
  •  unterstützen den Anbau von Gemüse im städtischen Raum
  •  verteilen Medikamenten, Laborausrüstungen und Nothilfemaßnahmen für 50.000 Menschen,
  •  verteilen Nahrungsergänzungsmittel für 5.000 schwangere Frauen und unterernährte Kinder,
  •  gaben Hygienartikel und Wasser an 2.000 Haushalte aus,
  •  unterstützen den landwirtschaftlichen Gemüseanbau in der Stadt Wau.

 

DR Kongo für südsudanesische Flüchtlinge:

  •  Wir unterstützen Gesundheitszentren und Krankenhäuser, für eine kostenlose Versorgung der
     Flüchtlinge,
  •  bezahlen Behandlungen von aktuer Mangelernährung,
  •  verteilen Hygieneartikeln,
  •  verbessern die Wasserversorgung der Flüchtlinge und Gesundheitszentren,
  •  verteilen notwendiges Material zur Wasseraufbereitung,
  •  versorgen Flüchtlinge mit Hygieneartikeln,
  •  führen Hygieneaufklärung durch Gesundheitskomitees zur Vermeidung von  
     Krankheitsübertragung durch,
  •  haben Latrinen für Haushalte und Flüchtlingscamps gebaut,
  •  errichteten sanitäre Einrichtungen wie Latrinen, Duschen und Öfen,
  •  versorgen die Gesundheitszentren mit Materialien zur Infektionsprävention und 
     Arbeitssicherheit.
Mehr als 5.000 Schulkinder bekommen von uns ein warmes Mittagessen. Foto: Nyokabi Kahura/Malteser International

 

 

 

 

Die medizinische Versorgung in der DR Kongo wird von uns unterstützt. Foto: Nyokabi Kahura/Malteser International

Kenia:

  •  Wir haben 86 Regenwassersammelanlagen gebaut,
  •  19.200 Menschen mit sauberem Trinkwasser versorgt,
  •  ein Wasserauffangbecken installiert,
  •  zwei Brunnen gebohrt,
  •  38 Latrinen errichtet und Hygieneartikel verteilt,
  •  Zusatznahrung an 1.039 unterernährte Kinder ausgegeben,
  •  Nahrungsmittel an Haushalte verteilt und
  •  Bargeld an 4.750 Haushalte ausgezahlt.


Uganda für südsudanesische Flüchtlinge:

  • Wir haben Brunnen motorisiert, um die Flüchtlinge mit Wasser zu versorgen,
  • zusätzlich Trinkwasser mit einem Wassertankwagen ausgefahren,
  • Wasserkanister verteilt,
  • Flüchtlinge mit den wichtigsten Hygieneartikeln und Seife versorgt,
  • Saatgut und landwirtschaftlichen Gerätenverteilt,
  • verbesserten landwirtschaftlichen Anbaumethoden gezeigt,
  • verbesserter Hygienepraktiken trainiert,
  • Gemüsegärten angelegt,
  • Obstbäumen zur Anpassung an den Klimawandel angebaut,
  • Gemeindelatrinen und Waschräumen gebaut
  • und beginnen im Frühjahr 2018 mit dem Bau einer Modellschule mit "Zerocarbon-Material".

 

Nigeria und Kamerun:

  • Wir versorgen die Menschen tägliche mit Wasser durch Wassertankwagen,
  • wir haben 87 Brunnen erneuert,
  • 95 Latrinen und Sanitäranlagen wiederaufgebaut,
  • 15 Regenwassernutzungsanlagen bereitgestellt,
  • 5.500 Hygieneartikeln und Wasserkanistern verteilt,
  • 92 Hygienepromotoren ausgebildet und
  • rund 30 Komitees für Wassernutzung gebildet und geschult.
In Kenia haben wir im vergangenen Jahr Zusatznahrung an unterernährte Kleinkinder verteilt. Foto: Nyokabi Kahura/Malteser International
Die Flüchtlinge aus dem Südsudan versorgen wir in den Camps in Uganda mit Trinkwasser. Foto: Malteser International



Im Muna-Camp in Nigeria versorgen wir die Menschen, die vor der Terrorgruppe Boko Haram geflohen sind, mit Wasser. Foto: Malteser International

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