Ukraine: „Stark und nachhaltig für das, was vor uns liegt“
Im Laufe des Jahres 2025 haben wir bei Malteser International die operative Verantwortung unserer Länderbüros weiter gestärkt. Mohammed El Hajj, unser Landesdirektor in der Ukraine, berichtet, wie sich seine Arbeit dadurch verändert hat – und wie sich der Unterstützungsbedarf und unsere Hilfe in der Ukraine entwickelt haben. El Hajj stammt aus dem Libanon, lebt seit zehn Jahren in der Ukraine und ist dort seit dem Jahr 2024 Landesdirektor von Malteser International.
Seit Januar 2025 hat das Länderbüro von Malteser International in Kyjiw ein deutlich größeres Team mit 30 Mitarbeitenden, die meisten davon sind Ukrainerinnen und Ukrainer. Hat sich dadurch Ihre Rolle als Landesdirektor verändert?
Mohammed El Hajj: Ja, das Wachstum bedeutete für mich einen Übergang: Weg von einer sehr operativen Rolle und hin zu mehr Führungsaufgaben in einem etablierten Länderprogramm. Ich muss die Balance zwischen der Flexibilität, die eine Krise erfordert, und der Stabilität, die ein Team dieser Größe braucht, sicherstellen. Unsere ukrainischen Kolleginnen und Kollegen unterstütze ich dabei, mehr Verantwortung und Führungsrollen zu übernehmen, was sowohl notwendig als auch positiv ist. Ich sorge dafür, dass das Team heute gute Arbeit leistet und gleichzeitig stark und nachhaltig für das, was noch vor uns liegt, aufgestellt ist.
Obwohl unser Länderbüro in der Ukraine bereits im Jahr 2023 eingerichtet wurde, hat der Ausbau im Januar 2025 – als das Team auf rund 30 Mitarbeitende anwuchs – die Art meiner Rolle wirklich verändert. Früher, mit einer kleineren Struktur, war ich direkt in die Lösung von Problemen, die Nachverfolgung mit Partnern und viele praktische Entscheidungen eingebunden. Als das Büro größer wurde, verlagerte sich meine Rolle ganz natürlich weg vom Management einzelner Themen hin dazu, sicherzustellen, dass die Gesamtstruktur gut funktioniert. Heute verbringe ich deutlich mehr Zeit damit, dafür zu sorgen, dass Führungskräfte sicher in ihren Rollen sind, dass Abteilungen effektiv zusammenarbeiten und dass Entscheidungen auf der richtigen Ebene getroffen werden. Mein Fokus liegt zunehmend auf Mentoring, Zusammenhalt und darauf, ein Umfeld zu schaffen, in dem Menschen sich die Arbeit zu eigen machen und nicht allein Verantwortung für Aufgaben tragen.
Gleichzeitig ist auch die externe Seite meiner Rolle gewachsen. Mit einem größeren Programm und höherer Sichtbarkeit verbringe ich heute mehr Zeit im Austausch mit Gebern, Behörden und Koordinationsplattformen. Das hilft uns, mit sich verändernden Bedarfen Schritt zu halten und stellt sicher, dass unsere Arbeit in der Ukraine innerhalb der humanitären Hilfe gut positioniert ist.
Worauf lag der Schwerpunkt der Arbeit im Bereich Gesundheit von Malteser International in der Ukraine im Jahr 2025?
Mohammed El Hajj: Im Jahr 2025 konzentrierte sich unsere Arbeit um Bereich Gesundheit in der Ukraine vor allem darauf, Menschen zu unterstützen, die durch Vertreibung und den langfristigen Stress stark belastet sind.
Ein großer Teil unserer Arbeit betraf die psychische Gesundheit sowie psychosoziale Unterstützung. Nach Jahren des Krieges ist emotionale Belastung etwas, das wir überall sehen – bei Kindern, Eltern, älteren Menschen und in besonders betroffenen Gemeinden. Deshalb haben wir gemeindebasierte psychosoziale Aktivitäten, Gruppensitzungen und Schutzräume für Kinder gestärkt. Orte wie Gemeindezentren sind wichtig, weil es dort nicht nur um Dienstleistungen geht, sondern darum, Menschen zu helfen, wieder Anschluss zu finden, Routinen zurückzugewinnen und sich erneut als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen. Dieses Gefühl von Normalität ist ein zentraler Bestandteil psychischer Gesundheit.
Wir haben außerdem Menschen mit besonderen gesundheitlichen Herausforderungen unterstützt, insbesondere in den Bereichen Rehabilitation und Mobilität. Jemandem zu helfen, Mobilität oder Funktionsfähigkeit wiederzuerlangen, ist nicht nur eine medizinische Frage – es betrifft Würde, Selbstständigkeit und die Möglichkeit, wieder am Alltag teilzunehmen.
Ein weiterer Schwerpunkt war, sicherzustellen, dass Unterstützung wohnortnah verfügbar ist. Viele Familien entscheiden sich, auch unter schwierigen Bedingungen in der Nähe ihres Zuhauses zu bleiben. Indem wir auf Gemeindeebene arbeiten und Menschen mit bestehenden Angeboten in Kontakt bringen, tragen wir dazu bei, dass sie Zugang zu Versorgung erhalten, ohne gezwungen zu sein, sich noch weiter von ihren Unterstützungsnetzwerken zu entfernen. Insgesamt ging es in unserer Arbeit in diesem Jahr darum, Gesundheit in einem breiteren Sinne zu schützen – psychisch, körperlich und sozial. Und gleichzeitig das nationale System zu entlasten und Menschen dabei zu helfen, mit ihren Gemeinden verbunden zu bleiben, was für Erholung und Stabilisierung wesentlich ist.
2025 war das vierte Kriegsjahr, das das ganze Land betrifft. Haben Sie und Ihr Team im vergangenen Jahr eine weitere Verschlechterung der psychischen Gesundheit der vom Krieg betroffenen Bevölkerung beobachtet? Wenn ja, in welcher Weise?
Mohammed El Hajj: Ja, das haben wir. Um das richtig zu verstehen, muss man tatsächlich über die letzten vier Jahre hinausblicken. Für viele Menschen im Osten der Ukraine begann der Krieg nicht erst im Jahr 2022 – er begann 2014. Was wir heute sehen, ist daher das Ergebnis einer sehr langfristigen Belastung.
Gerade im vergangenen Jahr haben wir eine Art tiefer Erschöpfung wahrgenommen. Zu Beginn der landesweiten Invasion befanden sich viele Menschen im Überlebensmodus. Es gab Angst, aber auch viel Solidarität und ein Gefühl von Dringlichkeit, das half, weiterzumachen. Jetzt – nach Jahren der Unsicherheit, teils mehrfacher Vertreibung innerhalb einzelner Familien und ohne eine klare Perspektive, wann sich die Lage stabilisieren könnte – wirken viele Menschen emotional ausgelaugt. Wir hören häufiger, dass Menschen sich abgestumpft fühlen, dauerhafte Ängste haben oder gar nicht mehr über die Zukunft nachdenken können.
Bei Kindern und Jugendlichen ist das besonders besorgniserregend. Manche von ihnen haben den Großteil ihrer Kindheit im Krieg verbracht. Wir sehen Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen, Angst in Verbindung mit Sirenen oder lauten Geräuschen sowie Schwierigkeiten im sozialen Verhalten. Für sie ist Instabilität zur Normalität geworden – und das hat langfristige Auswirkungen auf ihr Sicherheitsgefühl.
Auch Erwachsene, insbesondere Eltern und betreuende Angehörige, stehen unter enormem Druck. Sie versuchen, das Familienleben aufrechtzuerhalten und gleichzeitig mit finanziellen Belastungen, Vertreibung und Sorgen um Familienangehörige umzugehen – und tragen dabei ihre eigene emotionale Last. Das zeigt sich häufig in Rückzug, Reizbarkeit oder dem Gefühl, einfach überfordert zu sein.
„Es geht heute weniger um einzelne traumatische Ereignisse, sondern vielmehr um die Auswirkungen von jahrelangem konstanten Stress. Menschen brauchen Raum und Begleitung, die ihnen hilft, wieder mehr Stabilität zu gewinnen und über die Zeit Resilienz aufzubauen.“
– Mohammed El Hajj, Landesdirektor in der Ukraine bei Malteser International
Im Juni 2025 eröffnete unsere lokale Partnerorganisation Avalyst – mit Unterstützung von Malteser International und der Aktion Deutschland Hilft – ein Gemeindezentrum in der Stadt Kryvyi Rih im Süden der Ukraine. Was bietet das Gemeindezentrum an und warum ist Kryvyi Rih ein guter Standort für solche Unterstützung?
Mohammed El Hajj: Das Gemeindezentrum in Kryvyi Rih ist ein einfacher, aber sehr wichtiger Ort: ein Raum, in den Menschen kommen können, ohne das Gefühl zu haben, eine formelle Institution zu betreten. Es bietet psychosoziale Unterstützungsangebote, Gruppensitzungen und individuelle Begleitung sowie strukturierte Aktivitäten für Kinder und Jugendliche. Ebenso wichtig ist, dass es Menschen einen Ort gibt, an dem sie sich treffen, sprechen und sich nicht allein fühlen. Mitarbeitende helfen dabei, bei Bedarf Kontakt zu weiteren Angeboten herzustellen – das Zentrum ist damit sowohl ein Unterstützungsraum als auch ein Einstiegspunkt für weiterführende Hilfe.
Ein großer Mehrwert liegt darin, dass das Zentrum den Menschen Routine und soziale Kontakte zurückbringt. Viele vertriebene Familien, aber auch Menschen aus der Umgebung, die vom Krieg betroffen sind, leben unter dauerhaftem Stress und Unsicherheit. Einen Ort zu haben, an dem Kinder sicher spielen und Erwachsene sitzen, reden und an Aktivitäten teilnehmen können, reduziert Isolation und unterstützt emotionale Stabilität auf sehr praktische Weise.
Kryvyi Rih ist ein guter Standort, weil die Stadt viele Menschen aufnimmt, die aus stärker betroffenen Regionen geflohen sind, während die Stadt selbst ebenfalls regelmäßig unter Druck steht. Das bedeutet, dass hier vertriebene Familien und lokale Gemeinschaften zusammenkommen, die alle mit langfristiger Belastung umgehen müssen. Viele staatliche Dienste sind überlastet, und nicht alle Menschen wenden sich, wenn sie Unterstützung benötigen, an formelle Angebote. Ein gemeindebasiertes Zentrum ist leichter zugänglich und wirkt weniger abschreckend. In diesem Sinne geht es im Zentrum nicht nur um Aktivitäten. Es hilft Menschen dabei, den Alltag, soziale Beziehungen und ein Zugehörigkeitsgefühl in einer Situation wieder aufzubauen, die seit Jahren andauert. Das ist ein zentraler Beitrag zum Schutz des psychischen Wohlbefindens in einer langanhaltenden Krise.
Im Jahr 2024 gewann die Partnerorganisation von Malteser International, Mental Health Service, einen Preis für ihre Arbeit zur Unterstützung von medizinischem Personal in Krankenhäusern in Sumy – u. a. mit Trainings zur Stressbewältigung. Wie ergänzen die Gesundheitsaktivitäten von Malteser International insgesamt das nationale Gesundheitssystem der Ukraine?
Mohammed El Hajj: Unsere Gesundheitsaktivitäten sind so angelegt, dass sie den Druck auf das nationale Gesundheitssystem direkt verringern – insbesondere in Regionen, in denen Angebote überlastet sind. In Städten wie Sumy, Kyjiw und Mykolaiv, in denen wir und unsere Partner arbeiten, hilft die Unterstützung von medizinischem Personal – einschließlich Trainings zur Stressbewältigung und psychosozialen Kompetenzen über lokale Partnerorganisationen wie Mental Health Service – Teams in Krankenhäusern dabei, die emotionale Belastung einer langanhaltenden Krise zu bewältigen. Das reduziert Burnout und hilft Mitarbeitenden dabei, weiter ihre Arbeit ausüben zu können – was in einem System unter Dauerbelastung entscheidend ist.
Gleichzeitig verringern unsere gemeindebasierten psychosozialen Aktivitäten den Druck auf formelle Angebote. Viele Menschen, die Stress, Angst oder Traumata erleben, benötigen nicht sofort spezialisierte psychiatrische Versorgung, brauchen aber dennoch Unterstützung. Durch Gruppensitzungen, individuelle Beratung und Aktivitäten in Community Centern können Menschen viel früher und in der Nähe ihrer Wohnorte Hilfe erhalten. Dadurch eskalieren weniger Fälle bis zu dem Punkt, an dem nur noch krankenhausbasierte Leistungen in Frage kommen.
Praktisch bedeutet das: Der Zugang zu Unterstützung ist leichter geworden. In mehreren der Gebiete, in denen unsere Partner aktiv sind, können Menschen, die ansonsten möglicherweise monatelang auf einen Termin bei einer Psychologin oder einem Psychologen warten müssten, deutlich früher grundlegende psychosoziale Unterstützung über gemeindenahe Angebote erhalten. Unsere Teams helfen außerdem dabei, Menschen zu identifizieren, die tatsächlich spezialisiertere Versorgung benötigen, und unterstützen bei Überweisungen. Dadurch wird der Weg in das formelle System reibungsloser und effizienter. Unsere Arbeit fördert damit die Resilienz des Gesundheitspersonals und entlastet gleichzeitig spezialisierte Dienste – und sie ermöglicht es konfliktbetroffenen Menschen, einfacher und schneller die Unterstützung zu erhalten, die sie benötigen.
Die Psychologinnen und Psychologen des Teams in Kryvyi Rih bieten Beratungen und Therapien insbesondere für Binnenvertriebene an. Welche besonderen Bedürfnisse haben diese Menschen?
Mohammed El Hajj: Binnenvertriebene tragen häufig eine sehr spezifische Mischung aus Belastungsfaktoren. Sie haben nicht nur Konflikt oder Unsicherheit erlebt, sondern auch den Verlust ihres Zuhauses, von Routinen und sozialen Netzwerken. Viele haben Arbeitsplätze, Eigentum und vertraute Unterstützungssysteme zurücklassen müssen und versuchen, den Alltag an einem unbekannten Ort oft mit begrenzten Ressourcen neu aufzubauen.
Ein häufiges Thema ist ein dauerhaftes Gefühl von Unsicherheit. Binnenvertriebene wissen oft nicht, wie lange sie bleiben werden, ob sie zurückkehren können und wie die Zukunft aussehen wird. Das erschwert Planung und verstärkt Angst und emotionale Belastung. Viele empfinden Schuldgefühle gegenüber Angehörigen, die zurückgeblieben sind, oder trauern um das Verlorene.
Hinzu kommen praktische Belastungen, die sich auf die psychische Gesundheit auswirken: beengte Wohnverhältnisse, finanzielle Schwierigkeiten und die Herausforderung, sich in eine neue Gemeinschaft zu integrieren. Manche Menschen fühlen sich isoliert oder nicht willkommen, was Gefühle von Einsamkeit oder Depression verstärken kann. Für Kinder in vertriebenen Familien kann der Verlust vertrauter Umgebung, von Schulen und Freundinnen und Freunden besonders destabilisierend wirken. Eltern stehen oft unter zusätzlichem Druck: Sie versuchen, für ihre Kinder stark zu bleiben, während sie gleichzeitig mit ihrem eigenen Stress umgehen müssen.
„Unterstützung für Binnenvertriebene muss über die Bearbeitung eines einzelnen traumatischen Ereignisses hinausgehen. Es geht darum, Menschen dabei zu helfen, wieder ein Gefühl von Stabilität zu gewinnen, soziale Verbindungen neu aufzubauen und Wege zu finden, mit langfristiger Unsicherheit umzugehen.“
– Mohammed El Hajj, Landesdirektor in der Ukraine bei Malteser International
Wir hören häufig von Zivilistinnen und Zivilisten, die trotz extrem gefährlicher Lebensumstände in ihrem Zuhause bleiben, nur so weit fliehen wie absolut nötig oder so früh wie möglich zurückkehren – selbst dann, wenn die Situation weit davon entfernt ist, sicher zu sein. Und viele Mitarbeitende von Hilfsorganisationen – auch von Malteser International – riskieren ihr Leben, um diejenigen zu unterstützen, die bleiben. Warum spielt es für Gesundheit und Würde eines Menschen, besonders in Krisensituationen, eine so wichtige Rolle, in der Nähe des Zuhauses zu bleiben?
Mohammed El Hajj: Das beobachten wir sehr häufig – und von außen ist es manchmal schwer nachzuvollziehen. Wenn man jedoch mit Menschen spricht, wird sehr deutlich, dass „Zuhause“ nicht nur ein physischer Ort ist – sondern Identität, Erinnerungen, soziale Bindungen und ein Gefühl von Kontrolle in einer Situation, in der sich fast alles andere unsicher anfühlt.
Für viele ältere Menschen insbesondere kann das Verlassen des Zuhauses sich anfühlen, als würde das letzte Stück Stabilität verloren gehen. Ihre täglichen Routinen, Nachbarinnen und Nachbarn, vertraute Straßen – selbst kleine Dinge wie einen Garten zu pflegen oder zu wissen, wo alles ist – sind für sie ein wichtiger Anker. Wenn das wegfällt, kann die emotionale Wirkung ebenso schwer wiegen wie die physischen Risiken, denen sie zu entkommen versuchen.
Aus gesundheitlicher Sicht bedeutet die Nähe zum Zuhause oft auch, mit sozialen Netzwerken verbunden zu bleiben. Familienangehörige, Nachbarinnen und Nachbarn sowie Menschen aus der Gemeinde sind wichtige Schutzfaktoren für das psychische Wohlbefinden. Menschen, die sich verbunden und unterstützt fühlen, kommen besser mit Stress und Trauma zurecht. Vertreibung hingegen führt häufig zu Isolation, Rollenverlust und einem Gefühl von Abhängigkeit – was sowohl die psychische als auch die körperliche Gesundheit stark beeinträchtigen kann.
Würde ist ebenfalls ein zentraler Aspekt. Eine eigene Entscheidung treffen zu können – selbst unter schwierigen Umständen – gehört dazu, um ein Gefühl von Selbstwirksamkeit zu bewahren. Viele Menschen möchten sich nicht als passive Empfängerinnen und Empfänger von Hilfe fühlen. Sie wollen an einem Ort bleiben, an dem sie wissen, wie sie den Alltag bewältigen, an dem sie sich weiterhin gebraucht fühlen und ein Stück Kontrolle behalten.
Deshalb ist Unterstützung dort, wo Menschen leben, so wichtig. Es geht nicht darum, Risiken zu fördern, sondern darum, Entscheidungen zu respektieren und Menschen zu helfen, an den Orten, die ihnen weiterhin Zugehörigkeit vermitteln, so sicher und gesund wie möglich zu bleiben. In einer langanhaltenden Krise kann die Verbindung zum Zuhause einen echten Unterschied machen – für die psychische Gesundheit ebenso wie für die Würde.
Gesundheit ist nicht nur medizinische Behandlung. Es geht auch um Stabilität, Routinen, soziale Bindungen und das Gefühl, irgendwo dazuzugehören. Wenn Menschen ihr Zuhause verlieren oder jahrelang unter Bedrohung leben, wirkt sich das direkt auf ihre Gesundheit aus – insbesondere auf die psychische Gesundheit. Menschen dabei zu unterstützen, mit ihren Gemeinschaften verbunden zu bleiben oder dort, wo sie jetzt sind, wieder ein Stück normales Leben aufzubauen, ist daher Teil des Gesundheitsschutzes.
Wir sehen jeden Tag, dass „Zuhause“ nicht nur ein Ort ist, sondern eine Quelle von Identität, Würde und Resilienz. Das besser zu verstehen, kann helfen, wie wir Unterstützung in langanhaltenden Krisen besser gestalten. Für uns stellt sich die Frage: Wie können wir als humanitäre Akteure den Bedarf der Menschen nach Sicherheit weiterhin unterstützen und zugleich ihren starken Wunsch respektieren, in der Nähe ihres Zuhauses zu bleiben – selbst unter schwierigen und manchmal gefährlichen Bedingungen?
Welche Unterstützung benötigen die Menschen in der Ukraine derzeit am dringendsten? Wo sehen Sie in Ihrer täglichen Arbeit die größten Finanzierungsprobleme?
Mohammed El Hajj: Derzeit zählt zu den größten Bedarfen Unterstützung, die über unmittelbare Nothilfe hinausgeht. Die Menschen leben seit Jahren mit dem Krieg, und was wir täglich sehen, ist ein wachsender Bedarf an längerfristiger, verlässlicher Unterstützung – insbesondere im Bereich psychische Gesundheit, Rehabilitation und bei Angeboten, die Menschen helfen, den Alltag dort aufrechtzuerhalten, wo sie leben.
Die emotionale Auswirkung dieser langanhaltenden Krise ist tiefgreifend, doch die Finanzierung konzentriert sich oft auf kurzfristige Interventionen. Was Gemeinden wirklich brauchen, sind stabile, gemeindebasierte Angebote, die über längere Zeit weiterlaufen können – nicht nur kurze Projektzyklen. Das gilt ebenso für Unterstützung für Menschen mit Verletzungen oder eingeschränkter Mobilität: Rehabilitation und Hilfsmittel machen einen enormen Unterschied für die Selbstständigkeit aus, erfordern aber kontinuierliche Aufmerksamkeit und Ressourcen.
Ein weiterer Bereich ist die Unterstützung lokaler Systeme und gemeindenaher Dienste. Viele Familien versuchen, in der Nähe ihres Zuhauses oder in den Gemeinden zu bleiben, in denen sie sich niedergelassen haben. Das bedeutet, dass lokale Angebote – Gesundheit, soziale Unterstützung, Gemeinschaftsräume – stark belastet sind. Die Finanzierung wird jedoch zunehmend knapper, und es besteht das Risiko, dass gerade diese stabilisierenden Dienste gekürzt werden, obwohl sie jetzt am dringendsten gebraucht werden.
Im Arbeitsalltag spüren wir die Finanzierungslücke besonders bei Aktivitäten, die weniger sichtbar, aber essenziell sind: psychosoziale Unterstützung, Gemeindezentren, Fallmanagement und Angebote, die verhindern, dass Probleme schwerwiegender werden. Nothilfe bleibt notwendig – doch ohne fortgesetzte Unterstützung in diesen Bereichen werden die langfristigen Auswirkungen auf Menschen und auf den sozialen Zusammenhalt zunehmen.
Mit Blick auf das Jahr 2026 wird unser Fokus voraussichtlich weiterhin darin bestehen, akute Notlagen mit nachhaltigeren, gemeindebasierten Unterstützungsansätzen auszubalancieren. Lokale Kapazitäten zu stärken, den Zugang zu psychosozialen und gesundheitsbezogenen Angeboten aufrechtzuerhalten und Menschen dabei zu unterstützen, mit ihren Gemeinden verbunden zu bleiben, wird eine zentrale Aufgabe bleiben. Die Situation geht längst über das unmittelbare Überleben hinaus – es geht darum, Menschen zu helfen durchzuhalten, sich zu erholen und trotz der anhaltenden Krise ein Stück Normalität zu bewahren.
März, 2026