Resilienz in der humanitären Hilfe – Interview mit Programmdirektor Kees Zevenbergen
Resilienz ist heute ein allgegenwärtiger Begriff. In der Psychologie beschreibt er die Fähigkeit von Menschen oder Gemeinschaften, Krisen zu bewältigen, sich an schwierige Bedingungen anzupassen und sich von Erschütterungen zu erholen. Dabei spielt nicht nur individuelle Stärke eine Rolle, sondern auch das Umfeld: etwa der Rückhalt durch soziale Netzwerke oder der Zugang zu Gesundheits- und Sozialdiensten.
In der humanitären Hilfe geht das Verständnis von Resilienz jedoch weit über individuelle Bewältigungsstrategien hinaus. Sie zeigt sich vor allem darin, wie Organisationen auf Krisen reagieren: wie flexibel sie ihre Arbeit an sich schnell verändernde Realitäten anpassen, lebensrettende Hilfe leisten und zugleich lokale Systeme stärken – und dabei auch unter hohem Druck handlungsfähig bleiben. Angesichts wachsender humanitärer Bedarfe und zugleich knapper werdender Mittel bedeutet Resilienz zunehmend auch, dass Organisationen selbst anpassungsfähig, beweglich und veränderungsbereit sein müssen.
In diesem Interview spricht Kees Zevenbergen, Direktor für Programme und Operationen bei Malteser International, darüber, welche Rolle Resilienz in der täglichen Arbeit der Organisation spielt. Anhand konkreter Beispiele aus unterschiedlichen Krisenkontexten beleuchtet er Chancen und Grenzen des Konzepts sowie die ständige Notwendigkeit, sich immer wieder neu einzustellen – sowohl in der Projektarbeit als auch innerhalb der Organisation.
Wie definieren Sie „Resilienz“ in der humanitären Hilfe? Was bedeutet sie konkret für Malteser International – und wann droht sie zum bloßen Schlagwort zu werden?
Kees Zevenbergen: Für uns heißt Resilienz, Menschen und Gemeinschaften dabei zu unterstützen, Krisen zu überstehen, ohne ihre Fähigkeit einzubüßen, auch mit zukünftigen Herausforderungen umzugehen. Es geht nicht nur darum, im Moment zu überleben, sondern sich zugleich auf das vorzubereiten, was als Nächstes kommt. Zum Schlagwort wird Resilienz dann, wenn sie ohne konkrete Maßnahmen verwendet wird oder wenn von Menschen erwartet wird, Krisen allein und ohne echte Unterstützung zu bewältigen.
Resilienz betrifft aber auch uns selbst als Organisation. Die Rahmenbedingungen in den Ländern, in denen wir arbeiten, verändern sich ständig – etwa in Syrien. Nach 13 Jahren Krieg sind die Kampfhandlungen weitgehend abgeklungen, eine neue Regierung hat die Macht übernommen. Das wirft neue Fragen auf: Wie wirkt sich diese Entwicklung auf die Menschen aus, die wir unterstützen? Und was bedeutet das für unsere Projekte? Wir müssen die Situation kontinuierlich neu einschätzen und unsere Arbeit entsprechend anpassen.
Hinzu kommt, dass wir unsere Arbeit bereits seit mehreren Jahren neu strukturieren, weil die verfügbaren Ressourcen stetig abnehmen. Auch das ist für mich ein Aspekt von Resilienz: sich immer wieder auf veränderte Rahmenbedingungen einzustellen und die eigenen Strukturen so weiterzuentwickeln, dass die Organisation langfristig arbeitsfähig bleibt.
"Resilienz bedeutet für uns, Menschen und Gemeinschaften zu unterstützen, Krisen zu überstehen, ohne ihre Fähigkeit zu verlieren, zukünftige Herausforderungen zu bewältigen. Gleichzeitig heißt Resilienz auch, dass wir uns als Organisation kontinuierlich an veränderte Umstände anpassen müssen."
- Kees Zevenbergen, Programmdirektor, Malteser International
Humanitäre Hilfe konzentriert sich oft auf das unmittelbare Überleben, während der Aufbau von Resilienz Zeit braucht. Wie gelingt Malteser International dieser Spagat – insbesondere in akuten Krisen?
Kees Zevenbergen: Die Rettung von Menschenleben hat für uns immer oberste Priorität. Gleichzeitig achten wir darauf, Hilfe so zu leisten, dass lokale Strukturen nicht geschwächt werden. Auch in Notlagen versuchen wir, bestehende Dienste vor Ort zu unterstützen und etwas zu hinterlassen, das über die akute Phase hinauswirkt.
Ein Beispiel ist unser Nothilfeeinsatz im Sudan. Dort haben wir einerseits dringend benötigte medizinische Ausrüstung wie Stethoskope und Blutdruckmessgeräte bereitgestellt. Andererseits haben wir medizinisches Personal in lokalen Gesundheitseinrichtungen geschult, damit es Patientinnen und Patienten auch künftig besser versorgen kann. Dieses Wissen stärkt langfristig die Widerstandsfähigkeit des Gesundheitssystems – und bleibt auch nach dem Ende des Konflikts erhalten.
In einigen Ländern hat Malteser International seine Arbeit schrittweise von reiner Nothilfe hin zu integrierten, resilienzorientierten Ansätzen weiterentwickelt. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse aus diesem Prozess – und wo liegen seine Grenzen?
Kees Zevenbergen: In Ländern wie der Ukraine, Bangladesch oder dem Libanon haben wir gelernt, dass Resilienz am wirkungsvollsten ist, wenn sie fest in zentrale lebensrettende Bereiche eingebettet ist – etwa in Gesundheit, Wasser-, Sanitärversorgung und Hygiene (WASH) oder mentale Gesundheit und psychosoziale Unterstützung (MHPSS). Entscheidend ist dabei die enge Zusammenarbeit mit lokalen Partnern und der Anspruch, grundlegende Dienstleistungen auch in langanhaltenden Krisen aufrechtzuerhalten, statt Resilienz als separates Zusatzthema zu behandeln.
Gleichzeitig stoßen wir klar an Grenzen. Resilienz kann anhaltende Konflikte, politische Instabilität oder den Zusammenbruch wirtschaftlicher Systeme nicht ausgleichen – und sie ersetzt auch keine staatliche Verantwortung. Wir können dazu beitragen, Strukturen zu stabilisieren und lokale Kapazitäten zu stärken. Dauerhafte Resilienz hängt jedoch von politischen und strukturellen Entscheidungen ab, die außerhalb des Einflussbereichs humanitärer Organisationen liegen.
Welche Rolle spielen lokale Partner, Behörden und Gemeinschaften beim Aufbau von Resilienz – und was sollten internationale NGOs tun oder bewusst unterlassen, um echte Eigenständigkeit zu fördern?
Kees Zevenbergen: Kurzfristige Projekte allein führen selten zu nachhaltigem Wandel. Entscheidend ist langfristige Zusammenarbeit mit denselben Partnern sowie die Verbindung verschiedener Unterstützungsansätze. Unsere Möglichkeiten werden dabei häufig durch Unsicherheit, politische Rahmenbedingungen oder kurze Finanzierungszyklen begrenzt – wir versuchen dennoch, langfristiges Engagement zu ermöglichen. Auch hier ist der Sudan ein gutes Beispiel: Wir arbeiten eng mit dem Gesundheitsministerium und den Strukturen der WHO zusammen, um unsere Maßnahmen an den tatsächlichen Bedarfen auszurichten. Denn das Wissen darüber, was gebraucht wird, liegt bei den Menschen vor Ort. Diese Zusammenarbeit schafft Vertrauen, das über einzelne Nothilfemaßnahmen hinausgeht und es ermöglicht, bei zukünftigen Einsätzen darauf aufzubauen, unsere Arbeit weiterzuentwickeln und flexibel anzupassen. Für mich ist genau das gelebte Resilienz.
Resilienz betrifft nicht nur Gemeinschaften, sondern auch die Menschen, die humanitäre Hilfe leisten. Wie sorgt Malteser International dafür, dass die Resilienz seiner Mitarbeitenden – insbesondere der Teams vor Ort – gestärkt wird?
Kees Zevenbergen: Die Sicherheit unserer Mitarbeitenden hat für uns oberste Priorität – sei es im Libanon oder im Südsudan. Wenn Leben in Gefahr sind, bringen wir unsere Teams in Sicherheit. Darüber hinaus haben unsere Kolleginnen und Kollegen Zugang zu einem Netzwerk von Psychologinnen und Psychologen. Denn sie sind in ihrer Arbeit immer wieder mit belastenden und potenziell traumatisierenden Situationen konfrontiert – etwa nach dem Erdbeben 2023 in der Türkei und in Syrien.
(Mai 2026)