EN | DE | FR
Jetzt Spenden
Unterstützen Sie unsere Arbeit für Menschen in Not!

Nurul baut Brücken

Nurul Amin aus Myanmar lebt in einem überfüllten Camp für Geflüchtete in Cox’s Bazar, Bangladesch. Er ist einer der über eine Million Menschen hier, die nicht wissen, ob sie je wieder nach Hause zurückkehren können. Und er ist einer von 27 freiwilligen Rohingya die dazu beitragen, unsere Gesundheitsdienste in Cox’s Bazar effektiv und nachhaltig zu machen. Die Versorgung der Menschen hier ist gefährdet, denn „vergessene Krisen“ wie diese trifft der globale humanitäre Finanzierungsrückgang besonders hart.

Nurul Amin war 17 Jahre alt, als er mit seiner Familie aus Myanmar floh und gemeinsam mit Tausenden, die Schutz suchten, die Grenze nach Bangladesch überquerte. An die Flucht erinnert er sich nur in Bruchstücken. Hitze. Angst. Die Hand seiner Mutter, die seine so fest umklammerte, dass seine Finger taub wurden. Als sie das erreichten, was heute Camp 11 ist, sah er endlose Reihen aus Bambus und Planen und fragte sich, wie das Leben an einem solchen Ort weitergehen sollte.

In den ersten Monaten war Nurul einer von vielen. Ein Jugendlicher unter Zehntausenden, unsicher und unbeachtet. Als Krankheit seine Familie traf, wusste er nicht, wohin er sich wenden sollte. Zwar gab es bereits Gesundheitsangebote, doch die Informationen erreichten nicht immer diejenigen, die sie am dringendsten brauchten. Falschinformationen verbreiteten sich schnell, und Behandlungen verzögerten sich oft.

Würdevolle, nachhaltige Versorgung

In Cox’s Bazar betreiben wir gemeinsam mit unserer lokalen Partnerorganisation Gonoshasthaya Kendra (GK) seit 2017 mehrere Gesundheitsstationen in drei verschiedenen Camps, in denen etwa 57.000 Menschen leben. Unsere Hilfsangebote sind selbstverständlich kultursensibel, respektvoll, vertraulich und inklusiv. Wie langfristig sie wirken, hängt in einem zunehmend von Mittelkürzungen betroffenen humanitären Umfeld mehr denn je von stabilen lokalen Unterstützungssystemen und der Mitwirkung der Gemeinschaften ab. In Cox's Bazar leisten „Community Health Worker“ einen entscheidenden Beitrag, damit die Hilfe funktioniert. Denn für eine würdevolle Gesundheitsversorgung vertriebener Bevölkerungsgruppen sind sowohl die angebotenen Leistungen als auch die Art der Erbringung entscheidend.

Ein schicksalhafter Aushang

Im September 2020 veränderte sich Nuruls Leben für immer, als er eine Mitteilung an einem Schwarzen Brett in der Gemeinde sah. GK suchte Community Health Workers. Er durchlief den Bewerbungsprozess – und zu seiner eigenen Überraschung wurde er für die Ausbildung ausgewählt. Das ist inzwischen fast sechs Jahre her. Heute, mit 25, geht Nurul Amin nicht mehr in der Masse unter. Man kennt ihn.

Jeden Morgen um 9 Uhr beginnt Nurul seine Arbeit im Gesundheitszentrum, erhält aktuelle Informationen und macht sich dann auf den Weg durch die engen Gassen des Camps. Er besucht die Haushalte einen nach dem anderen, spricht mit Familien über ihre Gesundheit, beantwortet Fragen und weist den Weg zu verfügbaren Angeboten.

Seine Aufgabe ist einfach, aber unverzichtbar: Er erklärt, wann medizinische Hilfe in Anspruch genommen werden sollte, warum eine frühzeitige Behandlung wichtig ist und wo man sie findet. Wenn ein Kind mehrere Tage Fieber hat, ermutigt er die Eltern, nicht zu warten. Bei Durchfall erinnert er die Familien daran, wie wichtig orale Rehydratationslösungen sind. Schwangeren Frauen legt er ans Herz, regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen zu gehen – auch wenn es keine sichtbaren Anzeichen für Probleme gibt.

Nurul spricht in der Sprache, die die Menschen zu Hause verwenden. Er hört ebenso zu, wie er spricht, und hat im Laufe der Zeit Vertrauen aufgebaut. Weil er Teil derselben Gemeinschaft ist, wird er nicht als Außenstehender wahrgenommen. Er geht dieselben Wege, begegnet denselben Herausforderungen und kennt dieselben Ängste. Diese Verbindung macht seine Arbeit wirksam.

„Weil du in unsere Häuser kommst und mit uns sprichst, sind wir heute viel gesünder als früher“, sagen die Menschen aus der Gemeinde zu ihm.

Gesundheit als Basis für Stabilität und Perspektiven

Der Zugang zu menschenwürdiger Gesundheitsversorgung ist eine Investition in regionale und globale Stabilität. „Wenn Geflüchtete ihre Gesundheit erhalten können, sind sie besser gerüstet, um Unsicherheiten zu bewältigen und einen positiven Beitrag für ihre Gemeinschaften zu leisten – sei es im Exil, bei der Rückkehr oder bei einer künftigen Neuansiedlung“, erklärt Keerti Keerti, unsere Landesdirektorin in Bangladesch.

„Ich bin kein Arzt, aber ich bringe die Menschen zum Arzt. Ich helfe ihnen zu verstehen, warum sie gehen müssen. Ich begleite sie, wenn sie Angst haben. Ich frage nach, wie es ihnen geht. Das ist es, was ich tun kann.“ Nurul Amin, Community Health Worker

Gesundheit zu den Menschen bringen

Durch seine Ausbildung hat Nurul Wissen erlangt, das er zuvor nicht hatte. Er lernte etwas über Hygiene, Müttergesundheit, Ernährung, psychische Gesundheit und darüber, wie man Warnzeichen erkennt. Heute gibt er dieses Wissen täglich weiter und hilft Familien, fundierte Entscheidungen für ihre Gesundheit zu treffen. Erst durch Freiwillige wie Nurul erreichen unsere Hilfsangebote zuverlässig die Menschen, die sie am dringendsten benötigen. Sie sind es, die die entscheidenden Brücken schlagen und das System zum Leben erwecken. Er baut die Brücken, die unsere Gesundheitsdienste mit den Haushalten und den Menschen seiner Gemeinschaft verbinden.

Während Krankheitsausbrüchen besucht er an einem einzigen Tag Dutzende von Haushalten und informiert über Präventionsmaßnahmen. Wenn jemand medizinische Hilfe benötigt, begleitet er die Person zum Gesundheitszentrum. Wenn Familien zögern, setzt er sich zu ihnen, beantwortet ihre Fragen und nimmt ihnen die Sorgen. Er verbindet die Menschen mit dem Gesundheitssystem.

„Wenn wir nicht ändern können, wo wir leben, können wir wenigstens ändern, wie wir uns gegenseitig unterstützen“, sagt er.

Eine bessere Zukunft für die Familien in Cox's Bazar

Nuruls Arbeit ist nicht leicht. Die Arbeitszeiten sind lang, die Ressourcen begrenzt. Jeden Tag hört Nurul Geschichten voll Trauer und Schmerz. Er trägt sie mit sich, und manchmal lasten sie schwer auf seinem Herzen. Aber Nurul macht weiter. Er ist einer von einer Million, die auf eine bessere Zukunft hoffen und beten, dass die Welt sie nicht vergisst. „Eine kontinuierliche und verlässliche Finanzierung ist entscheidend, um sicherzustellen, dass wichtige Gesundheitsdienste in Cox’s Bazar ohne Unterbrechung weitergeführt werden können, um das Wohlergehen und die grundlegende Würde der Menschen dort zu wahren“, sagt Keerti.

Sein eigener Weg spiegelt Nuruls Überzeugung wider. Aus dem Jugendlichen, der sich einst im Camp verloren fühlte, ist eine vertrauenswürdige Persönlichkeit geworden – eine Wissensquelle und ein Bindeglied zwischen seiner Gemeinschaft und lebenswichtigen Gesundheitsdiensten. Er lebt mit seiner achtköpfigen Familie in Camp 11. Sein Vater betreibt einen kleinen Laden, und gemeinsam gelingt es ihnen, ihren täglichen Bedarf zu decken, auch wenn die Herausforderungen bleiben. Der Zugang zu höherer Bildung ist begrenzt, die Unterkünfte sind fragil, und grundlegende Dienstleistungen stoßen oft an ihre Grenzen. Dennoch blickt Nurul nach vorn. Er möchte seine Gemeinschaft unterstützen, sich für ihre Rechte einsetzen und eine bessere Zukunft für seine Familie aufbauen.

Lebensrettende Basisgesundheitsdienste für fast 60.000 Menschen

In Cox’s Bazar arbeitet Malteser International seit 2017 gemeinsam mit seinem lokalen Partner Gonoshasthaya Kendra und unterstützt mehrere Gesundheitsstationen in drei Camps, in denen rund 57.000 Menschen leben. Diese Einrichtungen bieten eine grundlegende medizinische Versorgung, darunter die Behandlung häufiger Krankheiten, Angebote zur Mütter- und Kindergesundheit, psychosoziale Unterstützung und Maßnahmen im Bereich der psychischen Gesundheit (MHPSS) sowie Überweisungen für spezialisiertere Behandlungen.

(Juni 2026 - Eine umfassendere Version eines Artikels aus unserem Jahresbericht 2025)

Helfen Sie Menschen in Bangladesch mit einer Spende!
Jetzt spenden