Ein Alltag zwischen Sorge und Hoffnung
Olenas Handy ist fast immer in Reichweite. Bei der Arbeit liegt es irgendwo in ihrer Nähe, zu Hause hat sie es stets griffbereit. Für sie ist das Handy mehr als nur ein Kommunikationsmittel. Einerseits beruhigt es sie, andererseits bereitet es ihr Angst. Die beiden vertrauten grünen Häkchen an einer Nachricht, die zeigen, dass sie zugestellt und gelesen wurde, können bedeuten, dass es ihrem Mann gut geht. Er dient derzeit in den ukrainischen Streitkräften. Wenn sie lange auf eine Antwort warten muss, begleitet die Angst Olena bei allem, was sie tut.
Sie weiß nicht immer, wo ihr Mann ist oder wann er anrufen kann. Manchmal bleibt ihr nichts anderes übrig, als zu warten. Gleichzeitig geht das Leben weiter. Sie versorgt Patientinnen und Patienten und sie muss sich um ihre siebenjährige Tochter Sonya (Name aus Sicherheitsgründen geändert) kümmern und ihr ein Gefühl von Sicherheit geben.
In ständiger Sorge
Olena ist 41 Jahre alt. Sie ist Hausärztin aus Cherson im Süden der Ukraine und Mutter. Nach Beginn der Invasion lebte ihre Familie unter Besatzung. Olena und ihre Tochter konnten Cherson schließlich verlassen. Heute leben sie in Mykolajiw, 60 Kilometer östlich von Cherson, während ihr Mann weiterhin Militärdienst leistet. Olena spricht nicht viel über das Leben unter der Besatzung. Damals war es für sie am wichtigsten, ihr Kind zu schützen und einen Weg aus der Stadt zu finden. Nach ihrer Flucht musste sie sich an einem neuen Ort ein neues Leben aufbauen: Arbeit finden, sich um ihre Tochter kümmern und ein Stück Normalität schaffen. Doch die Sorge blieb. Von nun an bestimmte vor allem das Warten auf eine Nachricht von ihrem Mann ihren Alltag.
Als Ärztin ist Olena es gewohnt, zu handeln: eine Situation einzuschätzen, Entscheidungen zu treffen und anderen zu helfen. Bei der Arbeit muss sie die Ruhe bewahren, selbst wenn sie selbst Angst hat. Doch der Krieg hat Situationen geschaffen, für die es keine klare Handlungsanweisung gibt. Am meisten sorgt sich Olena um ihre Tochter und ihren Mann. Doch die Sorgen um die beiden sind ganz unterschiedlich. „Um meine Tochter mache ich mir große Sorgen, aber sie ist hier bei mir. Ich kann etwas tun, um sie zu schützen. Bei meinem Mann … das ist für mich das Schwierigste.“
„Bei der Arbeit bin ich Ärztin und muss die Ruhe bewahren. Zu Hause bin ich Mutter und muss ebenfalls stark sein. Aber innerlich ist da immer dieser Gedanke: Wie geht es ihm?“
Aufgrund seines Militärdienstes kann ihr Mann ihr nicht immer sagen, wo er sich befindet oder wann er sich melden kann. In diesen Momenten befindet sich Olena zwischen zwei Realitäten. „Bei der Arbeit bin ich Ärztin und muss die Ruhe bewahren. Zu Hause bin ich Mutter und muss ebenfalls stark sein. Aber innerlich ist da immer dieser Gedanke: Wie geht es ihm?“ Nach und nach wurde Olena bewusst, wie viel Kraft es sie kostete, ständig auf schlechte Nachrichten gefasst zu sein. Angst ist für andere nicht immer sichtbar, doch sie kann sie auch in ganz alltäglichen Momenten begleiten: bei der Arbeit, wenn sie sich um ihre Tochter kümmert, wenn sie sich ausruht oder auf eine Nachricht wartet.
Unterstützung für Menschen, die anderen helfen
Als Olena die Möglichkeit bekam, psychologische Unterstützung in Anspruch zu nehmen, sagte sie zu. Ihre Geschichte ist eine von vielen unter den Beschäftigten im Gesundheitswesen, die auch während des Krieges weiterarbeiten. Deshalb gehört die Unterstützung der psychischen Gesundheit von Gesundheitsfachkräften zu den Schwerpunkten des Projekts „Integrated Mental Health and Psychosocial Support for War-Affected Communities and Local Service Providers in Ukraine“.
Das Projekt wird von einem Konsortium unter der Leitung von Avalist und Malteser International gemeinsam mit Malteser Ukraine, Mental Health Service und Words Help umgesetzt und vom Auswärtigen Amt finanziell unterstützt. Mental Health Service unterstützt im Rahmen des Projekts Gesundheitsfachkräfte, die täglich mit den Folgen des Krieges konfrontiert sind. Olena ist eine von Hunderten Ärztinnen und Ärzten aus dem Süden der Ukraine, die am Programm „Doctor and War“ teilnehmen können. Das Programm hilft ihnen dabei, Burnout vorzubeugen und ihre psychische Gesundheit zu stärken.
„Ich weiß, dass meine Sorgen seine Arbeit nicht sicherer machen können. Aber das im Kopf zu verstehen, ist eine Sache. Mir tatsächlich zu erlauben, ein Stück dieser Kontrolle loszulassen, ist etwas ganz anderes.“
Für Olena war die psychologische Unterstützung eine Gelegenheit, den Blick für eine Weile auf sich selbst zu richten, statt wie sonst als Ärztin für andere da zu sein. In den Sitzungen lernte sie, ihre eigenen Gefühle bewusst wahrzunehmen und anzunehmen und besser mit ihrer Angst umzugehen. Eine wichtige Erkenntnis für Olena war, dass sie nicht kontrollieren kann, was mit den Menschen geschieht, die sie liebt. Was sie aber lernen kann, ist, ihre eigenen Gefühle bewusst wahrzunehmen und sich wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. „Ich weiß, dass meine Sorgen meinen Mann nicht besser schützen können. Aber das zu wissen, ist eine Sache. Die Kontrolle tatsächlich ein Stück weit loszulassen, ist etwas ganz anderes“, sagt Olena.
Mit der Ungewissheit leben
Auch nach der psychologischen Unterstützung sind Olenas Sorgen nicht verschwunden. Der Krieg geht weiter, ihr Mann leistet weiterhin Militärdienst und ihre Tochter wächst mit Luftalarmen auf. Doch inzwischen erkennt Olena besser, wann ihre Angst zu viel Kraft fordert. In diesen Momenten helfen ihr die erlernten Methoden, sich wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Für Olena ist es wichtig, sich ganz alltägliche Dinge zu erlauben: Zeit mit ihrer Tochter zu verbringen, sich nach der Arbeit auszuruhen, nicht alle paar Minuten auf ihr Handy zu schauen und sich für Momente der Ruhe nicht schuldig zu fühlen. Das bedeutet nicht, dass die Angst verschwunden ist. Olena lernt nach und nach, mit ihr zu leben, ohne zuzulassen, dass sie ihren gesamten Alltag bestimmt.
„Auch wenn ich für einen Moment loslasse und keine Angst habe, liebe ich meinen Mann nicht weniger. Ich brauche meine Kraft – für meine Tochter, meine Arbeit, für mich selbst und für den Tag, an dem er nach Hause kommt.“ Heute hat Olena vor allem einen einfachen Wunsch: dass ihr Mann zurückkehrt und ihre Familie wieder vereint ist. Dass das Leben ihrer Tochter mehr aus Schule, Freunden, Spaziergängen und gemeinsamen Familienabenden besteht – und aus weniger Momenten voller Sorge und Angst. Olena kann nicht alles kontrollieren, was in ihrem Leben geschieht. Doch sie lernt, ihre Kräfte zu bewahren, für ihre Tochter da zu sein und auch Momente der Ruhe und Hoffnung zuzulassen. Denn manchmal bedeutet weiterzuleben auch, auf die Menschen zu warten, die man liebt.
Dieser Artikel wurde im September 2026 von Valentyna Bukovska, MHPSS Project Officer bei unserer Partnerorganisation Mental Health Service, verfasst.