Eine Pause vom Krieg: Sommercamps in der Ukraine
Mit zwölf Jahren hat Angelina (Name aus Sicherheitsgründen geändert) einen Alltag, den viele Kinder kennen: zur Schule gehen, Hausaufgaben machen, Sport treiben, Freunde treffen und bei Freundinnen übernachten. Doch ihre Kindheit unterscheidet sich in einem entscheidenden Punkt von der vieler anderer Kinder: Sie weiß, wie es ist, nachts von Explosionen geweckt zu werden.
„Als der Krieg begann, war ich sieben Jahre alt“, erzählt sie. „Ich bin aufgewacht, weil es geknallt und explodiert hat.“ Gemeinsam mit ihrer Familie verließ sie ihr Zuhause in der Region Kyjiw und floh zu Verwandten in die Region Winnyzja im Westen des Landes. Dort verbrachten sie die ersten Monate der Invasion. Jahre später erinnert sich Angelina nur noch bruchstückhaft an diese Zeit: an die Flucht, an die Verwandten, bei denen sie unterkamen, an das Haus, in dem sie lebten. Und daran, wie sie schließlich zurückkehrten. Doch der Krieg blieb.
Aufwachsen im Krieg
Heute lebt Angelina wieder in der Region Kyjiw und besucht die siebte Klasse. Doch selbst der Start ins neue Schuljahr wird vom Krieg überschattet. An der traditionellen Einschulungsfeier zum ersten Schultag konnte sie dieses Jahr nicht teilnehmen. „Sie hat gar nicht stattgefunden, weil es Luftalarm gab“, sagt sie. „Im Moment wird wieder sehr stark beschossen.“ Trotz des Krieges folgt ihr Alltag einer klaren Struktur: Gegen sieben Uhr morgens steht sie auf, macht sich fertig, packt ihre Schulsachen und geht zum Unterricht. Nach der Schule stehen Hausaufgaben auf dem Programm und anschließend das Gymnastiktraining.
Für Angelina ist Gymnastik weit mehr als nur ein Hobby. Sie gibt ihr ein Stück Normalität zurück. Seit fast zwei Jahren trainiert sie regelmäßig und bereitet sich derzeit auf bevorstehende Auftritte vor. In diesen Momenten kann sie einfach ein zwölfjähriges Mädchen sein. Doch die Sorgen des Krieges sind auch in ihrem Alltag allgegenwärtig. Sie begleiten nicht nur sie, sondern ihre ganze Familie. Ihr Vater wurde im Herbst 2025 Soldat und später schwer verletzt. Noch immer befindet er sich in Rehabilitation. Ob er jemals wieder in den Militärdienst zurückkehren kann, ist ungewiss. Für Angelina zählt vor allem eines: Er ist wieder zu Hause bei seiner Familie.
Ein Sommer voller Spaß
Wenn Angelina vom Sommercamp erzählt, spricht sie zuerst von ihren neu gewonnenen Freundinnen. Von den Spielen, den Teams, die sie gemeinsam gebildet haben, und den kleinen Wettbewerben, bei denen es Extrapunkte zu gewinnen gab. Sie erinnert sich an die Disco, an kreative Nachmittage mit Farben und Pinseln und an die Abende, an denen die Mädchen noch lange zusammensaßen, lachten und Geschichten erzählten, bevor sie schließlich nebeneinander einschliefen. Es sind Erinnerungen an einen Sommer, in dem für einen Moment nicht der Krieg im Mittelpunkt stand, sondern Freundschaft, Gemeinschaft und Freude.
Zurück in die Schule
Der Herbst beginnt, und für Millionen Kinder in der Ukraine startet ein neues Schuljahr. Doch für viele ist Schule längst nicht mehr der sichere und unbeschwerte Ort, der sie einmal war. Rund 4,6 Millionen Kinder stehen weiterhin vor großen Herausforderungen beim Zugang zu Bildung. Ein Schultag endet nicht selten in einem Schutzraum oder wird durch Luftalarm unterbrochen. Manche Kinder können gar nicht am Präsenzunterricht teilnehmen und lernen ausschließlich online. Andere werden nachts von Sirenen geweckt und starten erschöpft in den nächsten Tag.
Die Folgen des Krieges reichen dabei weit über verpasste Unterrichtsstunden hinaus. Angriffe, Vertreibung und die ständige Unsicherheit erschweren nicht nur das Lernen. Sie nehmen Kindern auch Routinen, Begegnungen und die unbeschwerten Momente, die Schule normalerweise prägen. Es fehlen die Gespräche in den Pausen, die Freundschaften, die im Klassenzimmer entstehen, und das Gefühl von Sicherheit und Verlässlichkeit, das Kinder brauchen, um unbeschwert aufzuwachsen.
Das Sommercamp konnte den Krieg nicht aus dem Leben der Kinder nehmen. Aber für eine kurze Zeit rückte er in den Hintergrund. Statt Luftalarm und Sorgen standen gemeinsames Lachen, kreative Aktivitäten und neue Freundschaften im Mittelpunkt –Erfahrungen, die den Kindern Kraft geben und noch lange nachwirken werden.
Dieser Artikel wurde von Halyna Bilak, Referentin für Kommunikation bei Malteser International in der Ukraine, im September 2026 verfasst.