Helfende stärken: Fürsorge für Fachkräfte der psychosozialen Unterstützung
Stell dir vor, du würdest über vier Jahre hinweg ununterbrochen Überstunden leisten, ohne echte Pause. Stell dir nun vor, du lebst unter der ständigen Bedrohung durch Bomben und Drohnen. Zeitweise gibt es keinen Strom und keine Wärme im kalten Winter. An Schlaf ist kaum zu denken. Mehrfach vertrieben, musst du dich immer wieder in einer neuen Stadt zurechtfinden. Stell dir nun vor: Du bist Psychologe oder Psychologin in der Ukraine.
„Fachkräfte für psychische Gesundheit [in der Ukraine] sind keine Menschen, die aus einem sicheren Umfeld kommen, um anderen zu helfen. Sie sind selbst direkt vom Krieg betroffen.“
– Dmytro Nersisian, Leiter für psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung bei Malteser International in der Ukraine
Mehr als vier Jahre nach Beginn der Vollinvasion Russlands verschärft sich die Krise im Bereich der psychischen Gesundheit in der Ukraine weiter. Anhaltende Gewalt, Vertreibung, Verlust und Unsicherheit haben dazu geführt, dass mehr als 15 Millionen Menschen psychologische Unterstützung benötigen. Viele derjenigen, die psychosoziale Hilfe leisten, sind selbst vom Krieg und seinen Auswirkungen betroffen.
Viktoriia Soloviova, Psychologin und Teamleiterin im Zentrum für psychische Gesundheit unserer Partnerorganisation Words Help, beschreibt, was das in der Praxis bedeutet: „Die Grenze zwischen Berufs- und Privatleben verschwimmt. Die Geschichten der Klienten hallen oft schmerzhaft in meinen eigenen Erfahrungen nach: Evakuierung, Zerstörung, Verlust“, sagt sie. „Meine persönliche Resilienz beginnt damit, meine eigene Erschöpfung, Verletzlichkeit und mein Bedürfnis nach Unterstützung anzuerkennen.“ Viele Fachkräfte für psychische Gesundheit, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sowie humanitäre Helferinnen und Helfer sind selbst vertrieben worden oder haben Angehörige verloren; fast alle leben unter der Bedrohung ständiger Bombardements, leiden unter Stromausfällen und Heizungsengpässen. Viele arbeiten seit Jahren unter diesen extremen Bedingungen ohne Unterbrechung. „Dieser anhaltende Druck zehrt an ihrer eigenen psychischen Gesundheit“, sagt Dmytro Nersisian, Leiter für psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung bei Malteser International in der Ukraine.
Von der Mobilisierung zur Erschöpfung
Dmytro Nersisian beschreibt eine deutliche Veränderung seit den ersten Monaten des Jahres 2022. Zu Beginn der Invasion mobilisierte sich die ukrainische Gesellschaft schnell. Gemeinschaften unterstützten sich gegenseitig, Freiwillige sprangen ein, und Fachkräfte arbeiteten mit außergewöhnlicher Intensität. „2022 herrschte ein unglaubliches Gefühl von Resilienz und Solidarität“, sagt Dmytro. Vier Jahre später zeigt sich ein anderes Bild. Aufgestauter Stress, chronische Erschöpfung und Burnout werden immer sichtbarer – sowohl in der Zivilbevölkerung als auch unter Fachkräften im humanitären Bereich und in der psychischen Gesundheitsversorgung. Dies hat schwerwiegende Folgen: Wenn diejenigen, die Hilfe leisten, überlastet sind, geraten Qualität und Verfügbarkeit der Unterstützung für betroffene Gemeinschaften in Gefahr. „Burnout beginnt ganz leise. Ich habe gesehen, wie Kollegen immer müder wurden, das Interesse an ihrer Arbeit verloren und eine emotionale Distanz entwickelten. Manchmal arbeiteten Fachkräfte sogar noch mehr – als wollten sie die Erschöpfung mit einer noch höheren Arbeitsbelastung überwinden. In manchen Fällen kündigen Menschen, weil sie sich völlig ausgelaugt fühlen. Gleichzeitig hat die Zahl hochkomplexer Klienten zugenommen, was die emotionale Belastung zusätzlich verstärkt“, sagt Viktoriia Soloviova.
„Für mich waren regelmäßige Supervision, die Möglichkeit, schwierige Fälle mit Kollegen zu besprechen, und Räume für gegenseitige Unterstützung besonders wichtig.“
– Viktoriia Soloviova, Psychologin und Teamleiterin bei Words Help
Für Malteser International ist die Unterstützung dieser Fachkräfte unerlässlich für eine wirksame humanitäre Hilfe in einer langwierigen Krise. „Für mich waren regelmäßige Supervision, die Möglichkeit, schwierige Fälle mit Kollegen zu besprechen, und Räume für gegenseitige Unterstützung besonders wichtig“, sagt Viktoriia Soloviova. „Orte, an denen man nicht ständig ‚der Experte‘ sein muss, sondern einfach Mensch sein kann.“
Resiliente Systeme, resiliente Unterstützung
Malteser International arbeitet mit lokalen Partnerorganisationen zusammen, die sicherstellen, dass Projekte spezielle Komponenten für die Betreuung des Personals enthalten. Dazu gehören Supervision, Maßnahmen zur Burnout-Prävention, eine ausgewogene Arbeitsbelastung sowie Möglichkeiten zum Austausch unter Kolleginnen und Kollegen.
Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Stärkung nationaler und lokaler Systeme anstelle der Schaffung paralleler Strukturen. In der Ukraine bedeutet dies eine enge Zusammenarbeit mit lokalen Partnerorganisationen und öffentlichen Einrichtungen. Internationale Organisationen werden irgendwann gehen – ein normaler Prozess in der humanitären Hilfe. Lokale Fachkräfte und Einrichtungen bleiben jedoch vor Ort und setzen ihre Arbeit fort. Sie zu unterstützen ist daher eine Investition in die langfristige Resilienz des Landes.
In diesem Zusammenhang bedeutet Resilienz nicht, von den Menschen zu verlangen, unbegrenzten Druck auszuhalten. Vielmehr geht es darum, sie in die Lage zu versetzen, ihre Arbeit über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten. Solange der Krieg andauert, wird der Bedarf an psychologischer Unterstützung in der Ukraine hoch bleiben. Sicherzustellen, dass diejenigen, die diese Hilfe leisten, geschützt, unterstützt und wertgeschätzt werden, ist eine Voraussetzung dafür, dass sich Gesellschaft und Gemeinschaften erholen können.
Mai, 2026