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Stimmen aus der Ukraine: Wenn Luftalarm zum Alltag wird

Stellen Sie sich vor, Sie hören Tag und Nacht Luftalarm. Stellen Sie sich vor, Sie suchen Schutz in Notunterkünften, verbringen die Nacht in überfüllten U-Bahn-Stationen und stehen vor einer weiteren schlaflosen Nacht voller Angst und Ungewissheit. Für Tausende Menschen in Kyjiw und in anderen Orten der Ukraine ist dies mit der Intensivierung der Angriffe in den vergangenen Monaten Teil ihres Alltags geworden. Die folgenden Erfahrungsberichte von Mitarbeitenden von Malteser International und Partnerorganisationen geben Einblicke in das Leben unter verschärften Angriffen und den wachsenden Bedarf an psychischer und psychosozialer Unterstützung.

Kinder in ständiger Angst

„Wir beobachten eine Zunahme akuter Stressreaktionen: Schlafprobleme, verstärkte Ängste, Müdigkeit und Erschöpfung. Kinder reagieren besonders stark auf die Belastung. Sie weinen häufiger, sind gereizt, können sich schlechter konzentrieren oder wirken unruhig. Andere ziehen sich zurück und erstarren in Angstsituationen. Häufige Luftalarme und nächtliche Angriffe lassen den Geist nicht zur Ruhe kommen. Selbst in Momenten der Stille bleiben die Menschen in Alarmbereitschaft und warten auf den nächsten Alarm oder die nächste Explosion. Kinder reagieren besonders empfindlich auf laute Geräusche und leben mit einem ständigen Gefühl der Anspannung.

Dies wirkt sich auch auf unsere Arbeit aus. Für Klientinnen und Klienten sowie Fachkräfte ist es schwieriger geworden, persönliche Termine wahrzunehmen. Nach Nächten mit Angriffen benötigen außerdem alle mehr Zeit, um sich zu erholen. Besonders erschütternd ist, wie sehr die Angst inzwischen den Alltag von Kindern prägt. Gestern sagte die achtjährige Sofiia (Name geändert), als sie während eines Luftalarms in einen Schutzraum eilte: ‚Ich möchte nicht, dass eine Shahed-Drohne auf meinen Kopf fällt, denn morgen habe ich Geburtstag. Ich möchte ihn noch erleben.‘“

– Liudmyla Romanenko, Koordinatorin des Zentrums für psychische Gesundheit der NGO Words Help, Vorzel, Region Kyjiw
 

 

„Ich möchte nicht, dass eine Shahed-Drohne auf meinen Kopf fällt, denn morgen habe ich Geburtstag. Ich möchte ihn noch erleben.“


Dariia Akhmedova, Safeguarding Managerin bei Malteser International in der Ukraine


 

Auswirkungen auf unsere psychosoziale Hilfe

„Die Angriffe haben unseren Arbeitsalltag stark verändert. Viele Klientinnen und Klienten sagen Termine kurzfristig ab oder können sie wegen der ständigen Luftalarme nicht wahrnehmen. Deshalb finden inzwischen die meisten Beratungen und Gruppenangebote online statt, denn selbst der Weg quer durch die Stadt ist oft schwierig oder nicht sicher möglich. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Unterstützung deutlich. Viele Menschen suchen Hilfe wegen Schlafstörungen, starker Ängste, der anhaltenden Unsicherheit und weil es ihnen schwerfällt, ihr Leben zu planen. Zunehmend begleiten wir auch Menschen, die durch die jüngsten Angriffe Angehörige verloren haben oder deren Zuhause oder Existenzgrundlage zerstört wurde.
Auch die Zahl der Eltern, die Unterstützung suchen, nimmt zu, weil ihre Kinder Angst vor Luftalarmen, Explosionen und dem Aufenthalt in Schutzräumen haben. Das wirkt sich bereits auf den Schul- und Kindergartenbesuch aus.“

– Viktoriia Soloviovova, Koordinatorin des Kyjiw-Dnipro-Teams der Partnerorganisation Words Help

Schlaflose Nächte in der U-Bahn-Station

„Die zunehmenden Angriffe haben meine Nächte komplett verändert. Inzwischen verbringe ich fast jede Nacht in der U-Bahn oder einem anderen Schutzraum. Dabei habe ich immer eine Yogamatte, eine Decke und ein Kissen dabei. Doch selbst wenn die Nacht ruhig bleibt, raubt mir allein diese Routine den Schlaf: spät abends die Wohnung verlassen, unter die Erde gehen, einen Platz auf dem Boden suchen, wegen des Lärms, des Lichts und der vielen Menschen immer wieder aufwachen und am Morgen wieder nach Hause zurückkehren.

Besonders in Erinnerung bleibt mir das körperliche Gefühl: Staub, Schmutz, fehlende Privatsphäre. Manchmal liege ich nur wenige Zentimeter vom Boden der U-Bahn entfernt. An besonders intensiven Tagen lösen die ständigen Sirenen und Explosionen auch körperliche Reaktionen bei mir aus, vor allem wenn ich mich gerade nicht in einem Schutzraum befinde. Dann kommen Übelkeit, Herzrasen, Enge in der Brust und Atembeschwerden hinzu.

Am schwersten ist die ständige Wiederholung. Es geht nicht um eine einzelne außergewöhnliche Nacht, sondern um fast jede Nacht. Selbst wenn es keinen Angriff gibt, fehlt mir der normale Schlaf und ich verbringe erneut eine Nacht unter der Erde. Man gewöhnt sich an diese Routine, aber die Erschöpfung und die ständige Anspannung zehren an einem.“

– Dariia Akhmedova, Safeguarding Managerin bei Malteser International in Kyjiw, Ukraine
 

 

„Am schwersten ist die ständige Wiederholung. Es ist nicht nur eine Nacht, sondern fast jede Nacht. Selbst wenn es keinen Angriff gibt, verliere ich normalen Schlaf und verbringe eine weitere Nacht unter der Erde. Man gewöhnt sich an die Routine, doch die Erschöpfung und das ständige Gefühl des Wartens summieren sich.“


Dariia Akhmedova, Safeguarding Managerin bei Malteser International in der Ukraine


 

Gemeinsam mit Partnerorganisationen bietet Malteser International trotz der Herausforderungen durch die anhaltenden Angriffe weiterhin psychosoziale Unterstützung an. Durch Beratungsangebote, sichere Räume und gemeindebasierte Aktivitäten erhalten vom Krieg betroffene Menschen Unterstützung dabei, mit Stress, Angst und Anspannung umzugehen und ihre Widerstandskraft zu stärken.

September 2026

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