Interview: Gesundheit in humanitären Krisen
Während die Welt den Weltgesundheitstag 2026 unter dem Motto „Gemeinsam für mehr Gesundheit – auf der Grundlage der Wissenschaft“ begeht, richtet sich das Augenmerk auf die entscheidende Rolle von Evidenz, Zusammenarbeit und Solidarität beim Schutz der Gesundheit in einer zunehmend komplexen Welt. Von Konflikten und Vertreibung bis hin zu Klimawandel und Mittelkürzungen – die heutigen Herausforderungen im Gesundheitsbereich treten selten isoliert auf, und ebenso wenig können die Lösungen isoliert sein.
Vor diesem Hintergrund sprachen wir mit Ludmila Lobkowicz, Global Health Advisor bei Malteser International, darüber, was ihre Arbeit im Bereich der humanitären Gesundheit antreibt, welche Realitäten sie in Krisengebieten vorfindet und warum die Integration von körperlicher und psychischer Gesundheit für eine würdige und wirksame Versorgung unerlässlich ist. Sie berichtet auch, wie wissenschaftliche Zusammenarbeit und lokal gesteuerte Ansätze dazu beitragen können, widerstandsfähigere Gesundheitssysteme aufzubauen, und was ihr Hoffnung für die Zukunft der globalen Gesundheit gibt.
Was hat Sie als Global Health Advisor dazu motiviert, im Gesundheitsbereich zu arbeiten, insbesondere im humanitären Kontext?
Ludmila Lobkowicz: Mein starkes Interesse an Infektionskrankheiten und ihren sozialen Zusammenhängen hat mich zur globalen öffentlichen Gesundheit geführt. Durch meine Arbeit in humanitären Kontexten ist mir mit der Zeit immer deutlicher geworden, wie sehr Gesundheit von Ungleichheit, ungleichem Zugang und struktureller Vulnerabilität geprägt ist. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die Erfahrungen vor Ort in Krisensituationen: Sie machen einerseits die Fragilität von Gesundheitssystemen sichtbar, zeigen aber zugleich ganz konkret, welchen Unterschied rechtzeitige, gut koordinierte und kontextsensible Maßnahmen für das Leben von Menschen bedeuten können. Diese Erfahrungen prägen und motivieren mich bis heute in meiner Arbeit.
Malteser International ist in Ländern tätig, die von Krisen und Konflikten betroffen sind. Was sind die häufigsten gesundheitlichen Herausforderungen, denen Sie in diesen Kontexten begegnen?
Ludmila Lobkowicz: In den Ländern, in denen Malteser International arbeitet, begegnen uns häufig ähnliche gesundheitliche Herausforderungen. Dazu zählen vor allem der eingeschränkte Zugang zu grundlegenden Gesundheitsdiensten, fragile Gesundheitssysteme und wiederkehrende Ausbrüche übertragbarer Krankheiten. Diese Probleme werden oft noch verschärft durch Vertreibung, Unsicherheit und den Verlust von Lebensgrundlagen. Hinzu kommen zunehmend Finanzierungsengpässe, die ohnehin stark belastete Gesundheitssysteme weiter unter Druck setzen – mit spürbaren Folgen für die Verfügbarkeit von Leistungen, die Arbeitsbedingungen des Gesundheitspersonals und letztlich für die betroffene Bevölkerung.
Gleichzeitig unterscheiden sich die Herausforderungen je nach Kontext deutlich. In konfliktreichen Settings sind Infrastruktur und Fachpersonal häufig massiv beeinträchtigt. In Regionen, die besonders von klimabedingten Krisen betroffen sind, beobachten wir hingegen eine zunehmende Belastung durch vektorübertragene Krankheiten, Ernährungsunsicherheit und Unterernährung. Eine wirksame gesundheitliche Hilfe erfordert daher kontextspezifische, lokal angepasste und flexible Ansätze, die kurzfristig auf akute Bedürfnisse reagieren und zugleich die langfristige Resilienz der Gesundheitssysteme stärken.
Psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung spielen in der humanitären Hilfe eine immer größere Rolle. Warum ist es so wichtig, körperliche und psychische Gesundheit gemeinsam zu betrachten?
Ludmila Lobkowicz: Körperliche und psychische Gesundheit sind untrennbar miteinander verbunden, insbesondere in Krisensituationen, in denen Menschen Trauma, Verlust und anhaltendem Stress ausgesetzt sind. Wer sich in der humanitären Hilfe ausschließlich auf körperliche Erkrankungen konzentriert, greift daher oft zu kurz und übersieht zentrale Faktoren, die für Genesung, Resilienz und langfristiges Wohlbefinden entscheidend sind.
Die Einbindung von Maßnahmen zur psychischen Gesundheit und psychosozialen Unterstützung ermöglicht eine ganzheitlichere, wirksamere und auch würdevollere Versorgung. Bei Malteser International basiert unsere Arbeit auf einem umfassenden Gesundheitsverständnis: Gesundheit bedeutet für uns mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Sie umfasst körperliches, psychisches, soziales und auch geistiges Wohlbefinden als eng miteinander verbundene Dimensionen menschlicher Gesundheit.
„Für Malteser International ist die enge Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen, lokalen Partnern und globalen Netzwerken entscheidend, um die Qualität und Relevanz unserer Programme zu stärken und kontextgerechte Maßnahmen zu gewährleisten.“
– Ludmila Lobkowicz, Global Health Advisor bei Malteser International
Der Weltgesundheitstag 2026 steht unter dem Motto „Gemeinsam für mehr Gesundheit – auf der Grundlage der Wissenschaft“ Die Kampagne betont die Bedeutung wissenschaftlicher Zusammenarbeit für die Gesundheit von Menschen, Tieren, Pflanzen und unseres Planeten. Welche Rolle spielt wissenschaftliche Zusammenarbeit für Malteser International in diesem Zusammenhang?
Ludmila Lobkowicz: Wissenschaftliche Zusammenarbeit ist für uns von zentraler Bedeutung. Die gesundheitlichen Herausforderungen, mit denen wir heute konfrontiert sind, werden zunehmend komplexer und machen nicht an den Grenzen einzelner Systeme halt – menschlicher, tierischer oder ökologischer Gesundheit. Um diesen Zusammenhängen gerecht zu werden, braucht es koordinierte, evidenzbasierte und interdisziplinäre Ansätze.
Für Malteser International ist die enge Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen, lokalen Partnern und internationalen Netzwerken deshalb ein entscheidender Faktor. Sie hilft uns, die Qualität und Relevanz unserer Programme kontinuierlich zu verbessern und Maßnahmen zu entwickeln, die den jeweiligen Kontexten wirklich gerecht werden. Gerade in Zeiten knapper werdender Ressourcen gewinnt das zusätzlich an Bedeutung: Wissenschaftliche Evidenz und Kooperation ermöglichen es, begrenzte Mittel gezielt einzusetzen und dort zu investieren, wo sie die größte und nachhaltigsten Wirkung entfalten können.
Angesichts anhaltender globaler Gesundheitskrisen: Welche Entwicklungen oder Innovationen geben Ihnen aktuell Hoffnung – weltweit oder innerhalb der Gesundheitsprogramme von Malteser International?
Ludmila Lobkowicz: Trotz der vielen Herausforderungen sehe ich einige Entwicklungen, die mir Hoffnung geben. Dazu zählen insbesondere Fortschritte in der Datennutzung, in digitalen Gesundheitslösungen sowie in gemeindebasierten Ansätzen. Sie tragen dazu bei, Prävention, Früherkennung, Überwachung und zeitnahe Reaktionen auf Gesundheitsrisiken deutlich zu verbessern. Diese Innovationen haben ein erhebliches Potenzial, Gesundheitsmaßnahmen reaktionsfähiger, zielgerichteter und effizienter zu gestalten.
Innerhalb von Malteser International stimmt mich vor allem der zunehmende Fokus auf integrierte, lokal geführte Gesundheitssysteme und nachhaltige Kapazitätsentwicklung positiv. Die Stärkung lokaler Eigenverantwortung, die Unterstützung nationaler Investitionen in Gesundheitssysteme und der gezielte Aufbau von Resilienz sind entscheidend, um in fragilen und von Krisen betroffenen Kontexten langfristig tragfähige Verbesserungen der Gesundheitsversorgung zu erreichen.
April, 2026