Interview: Warum Monitoring und Evaluation wichtig sind
Wie können humanitäre Organisationen feststellen, ob ihre Projekte tatsächlich etwas bewirken? Monitoring, Evaluierung, Rechenschaftspflicht und Lernen (eng. MEAL) liefern die Antworten. In diesem Interview erklärt Layal Ghamlouche, Monitoring and Evaluation Manager bei Malteser International, wie MEAL uns dabei hilft, Wirkung zu messen, von den betroffenen Gemeinschaften zu lernen, Projekte kontinuierlich zu verbessern und sicherzustellen, dass die Menschen stets im Mittelpunkt humanitären Handelns stehen.
Die NGO-Welt liebt ihre Abkürzungen. Wofür steht MEAL eigentlich? Hat das etwas mit Essen zu tun?
Layal Ghamlouche: Das ist wahrscheinlich eine der Fragen, die mir am häufigsten gestellt werden. Leider – oder vielleicht auch zum Glück – hat MEAL nichts mit Essen zu tun. Im humanitären Bereich steht MEAL für Monitoring, Evaluation, Accountability und Learning. Auf deutsch: Monitoring, Evaluierung, Rechenschaftspflicht und Lernen. Diese vier Elemente helfen uns dabei zu verstehen, ob unsere Projekte wie geplant funktionieren und ob wir tatsächlich einen positiven Unterschied im Leben der Menschen bewirken.
Monitoring, Evaluierung, Zahlen, Tabellen ... Für die meisten Menschen klingt das vermutlich etwas trocken. Warum ist das trotzdem so wichtig, besonders in der humanitären Arbeit?
Layal Ghamlouche: Ich verstehe, warum viele Menschen bei MEAL zuerst an Tabellen, Kennzahlen und Berichte denken. Für mich geht es dabei jedoch vor allem um Menschen. Humanitäre Organisationen arbeiten mit begrenzten Ressourcen in einem Umfeld, in dem die Bedürfnisse enorm sind. Deshalb tragen wir die Verantwortung, sicherzustellen, dass unsere Maßnahmen relevant, wirksam und an den Bedürfnissen der Gemeinschaften ausgerichtet bleiben, die wir unterstützen. Die im Rahmen von MEAL erhobenen Daten helfen uns dabei, sehr wichtige Fragen zu beantworten: Erreichen wir die Menschen, die unsere Hilfe am dringendsten benötigen? Erzielen wir die Ergebnisse, die wir zugesagt haben? Und sind die Menschen mit den Leistungen, die wir erbringen, zufrieden?
Ohne Monitoring und Evaluierung würden wir wichtige Entscheidungen auf der Grundlage von Vermutungen treffen. Auch wenn die Instrumente dahinter Zahlen, Indikatoren und Berichte sind, bleibt das eigentliche Ziel immer dasselbe: das Leben von Menschen nachhaltig zu verbessern.
Wie oft überwacht und evaluiert Malteser International seine Projekte?
Layal Ghamlouche: Monitoring und Evaluierung sind keine Aktivitäten, die erst am Ende eines Projekts stattfinden. Humanitäre Projekte durchlaufen in der Regel einen Projektzyklus, der mit der Bedarfsanalyse und Planung beginnt, über die Projektkonzeption und Umsetzung führt und schließlich mit dem Abschluss und der Überprüfung endet. Monitoring findet kontinuierlich während des gesamten Projektzyklus statt. Je nach Projekt und Bedarf überwachen die Teams ihre Aktivitäten monatlich, vierteljährlich oder sogar noch häufiger.
Evaluierungen hingegen finden häufig zu wichtigen Zeitpunkten im Projektverlauf statt, beispielsweise zur Halbzeit oder am Ende eines Projekts. In manchen Fällen werden sie auch in anderen Phasen durchgeführt, wenn wichtige Entscheidungen getroffen werden müssen.
Können Sie uns von einem überraschenden, inspirierenden oder besonders wichtigen Ergebnis aus einer Evaluierung oder einem Monitoring berichten, das Ihnen in Erinnerung geblieben ist?
Layal Ghamlouche: Bei einer Bedarfsanalyse gingen wir zunächst davon aus, dass der Zugang zu Dienstleistungen die größte Herausforderung für die betroffenen Gemeinschaften sei, da dies von den relevanten Interessengruppen hervorgehoben wurde. Als wir jedoch direkt mit den Menschen vor Ort sprachen, stellten wir fest, dass sie mit einem ganz anderen Problem konfrontiert waren: nicht der Zugang zu den Dienstleistungen selbst war das Hindernis, sondern die Möglichkeit, diese überhaupt zu erreichen.
Die Menschen wussten bereits, welche Angebote es gab, verfügten jedoch nicht über sichere und bezahlbare Transportmöglichkeiten, um dorthin zu gelangen. Diese Rückmeldungen führten dazu, dass das Projektkonzept angepasst wurde. Für mich war das einer der Momente, die verdeutlicht haben, warum Rechenschaftspflicht ein so wichtiger Bestandteil von MEAL ist. Manchmal entstehen die wertvollsten Erkenntnisse einfach dadurch, dass man Menschen nach ihren Erfahrungen fragt und ihnen aufmerksam zuhört.
Welche aktuellen Entwicklungen im Bereich MEAL werden dazu beitragen, die Qualität humanitärer Arbeit in Zukunft weiter zu verbessern?
Layal Ghamlouche: Der Bereich MEAL entwickelt sich rasant weiter, und das ist sehr spannend. Eine wichtige Entwicklung ist beispielsweise der zunehmende Einsatz digitaler Werkzeuge zur Datenerhebung und -analyse. Diese helfen den Teams dabei, Daten schneller zu erfassen und fundierte Entscheidungen auf der Grundlage von Fakten zu treffen. Gleichzeitig beobachten wir einen stärkeren Fokus auf Lernen und adaptive Steuerung. Anstatt sich nur darauf zu konzentrieren, Ergebnisse zu berichten, stellen sich Organisationen zunehmend die Frage, wie Informationen genutzt werden können, um Programme in Echtzeit zu verbessern. Schließlich bieten neue Technologien, darunter auch Künstliche Intelligenz, das Potenzial, große Daten- und Informationsmengen effizienter auszuwerten. Doch unabhängig davon, welche Technologien wir nutzen, bleibt das Grundprinzip dasselbe: die Bedürfnisse von Menschen in Not in den Mittelpunkt unserer Arbeit zu stellen.
(September 2026 )