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Nach Uganda geflüchtet: Emanuel aus dem Südsudan hat einen Traum

Emanuel Guya, 17 Jahre alt, ist vor 1,5 Jahren aus dem Südsudan nach Uganda geflüchtet. Er möchte Medizin studieren, doch ihm fehlt das Geld, um die weiterführende Schule zu bezahlen. Foto: © Malteser International/Johanna Sagmeister

Von Johanna Sagmeister

Emanuel Guya sitzt auf einer der hinteren Holzbänke im Klassenraum und versucht sich daran zu erinnern, ob er vom heutigen Unterrichtsthema „Physikalische Reibung“ schon einmal gehört hat. Er ist 17 Jahre und eigentlich viel zu alt für die siebte Klasse, die er gerade besucht. Aber die ugandische Regierung erkennt seinen Schulabschluss aus dem Südsudan nicht an, darum muss er die letzten zwei Schuljahre hier im Rhino Camp wiederholen.

Vielen seiner Mitschüler geht es so wie ihm. Sie alle sind Flüchtlinge. Die Stufe ist mit 23 Schülern ungewöhnlich klein und alle werden gemeinsam im einzigen Klassenzimmer der Schule unterrichtet. Draußen unter den Bäumen lernen etwa 100 Kinder pro Klassenstufe. Ein Fünftel von ihnen kommt aus Uganda. 

Während des Unterrichts mit den Gedanken zu Hause

Hitze und Pausenlärm dringen von draußen in die dunkle Lehmhütte. Auf den Holzbänken vor Emanuel sitzen die Schüler mit Stift und Heft und schreiben fleißig mit. Er gehört zu den konzentrierten Zuhören, die sich alles merken müssen, weil sie weder Heft noch Stift besitzen. Emanuel fällt es heute schwer aufzupassen, gedanklich ist er immer noch zu Hause: Seine jüngere Schwester ist an Malaria erkrankt. Ihm fehlen Kanister, um ausreichend Wasser vom Brunnen zu holen, und er weiß nicht, wie er sein Stück Ackerland, das ihm die Regierung als Starthilfe gegeben hat, erfolgreich bepflanzen soll. Denn diejenigen Flüchtlinge, die wie er später hinzugezogen sind, erhielten das schlechtere Land aus steinigem Boden.

In der Mittagspause entscheidet er, nach Hause zu gehen. „Mein Traum ist, auf die weitergehende Schule zu gehen, um danach Medizin studieren zu können“, erzählt Emanuel auf dem Weg. In zwei Monaten wird er die kostenlose Primary School abgeschlossen haben, sein Leben dreht sich deshalb nur noch um Schulgebühren. 65.000 Schilling, umgerechnet etwa 15 Euro, kostet das Semester in einer weiterführenden Schule. „Schon jetzt fehlt mir Geld für Notizhefte und Stifte, wie soll ich dann bitte diese Schulgebühren bezahlen?“, fragt er.

Kämpfe im Südsudan: Emanuel übernahm Verantwortung und floh mit seinen Geschwistern

Frauen holen Wasser an einem motorisierten Brunnen. Die Region im Norden Ugandas ist sehr trocken und sauberes Trinkwasser eines der drängendsten In Gärten hinter den Brunnen pflanzen die Bewohner Obst und Gemüse an, das mit dem Ablaufwasser bewässert wird. Stehendes Wasser, das sonst von Malaria-Mücken als Brutstelle genutzt werden könnte, wird so vermieden. Mit dem Obst und Gemüse wird das Nahrungsangebot erweitert und eine neue mögliche Einnahmequelle generiert. Darum bohrt Malteser International Wasserlöcher und errichtet solarbetriebene Wasserverteilungssysteme.

Emanuel ist verzweifelt. Denn er ist nicht nur Schüler und Bruder. Seit dem Tod seiner Eltern ist er auch Familienoberhaupt. Vor eineinhalb Jahren kamen die fünf Geschwister ohne ihre Eltern nach Uganda. Die Mutter sei schon länger tot gewesen, erzählt Emanuel mit leiser Stimme, der Vater wurde kurz vor ihrer Flucht ermordet. Im Südsudan erreichten zu dieser Zeit die Kämpfe zwischen den Rebellengruppen einen neuen Höhepunkt und die Geschwister fühlten sich ohne ihre Eltern nicht mehr sicher. Deshalb seien sie mit zwei Motorrädern über den Kongo nach Uganda geflohen. „Es gab viele Straßensperren, an denen wir Schutzgebühren bezahlen mussten“, erzählt er. Die Flucht habe all ihre Ersparnisse aufgebraucht. „Als wir ankamen, hatten wir keine Kleidung, kein Haus und kein Geld.“ Im Südsudan seien sie Bauern gewesen, hätten ein Haus und ein Feld gehabt. Hier in Uganda mussten sie von vorne anfangen.

Bildung macht selbstständig

Bei den Flüchtlingen handelt es sich vorwiegend um Frauen und Kinder. Die Männer bleiben oft im Südsudan zurück, um sich um das Vieh zu kümmern oder als Soldaten zu kämpfen. Um die Hygienesituation der Mädchen und Frauen zu verbessern, verteilen Mitarbeiter von Malteser International wichtige Hygieneartikel.

So wie Emanuel und seine Geschwister überquerten in den vergangenen Jahren knapp eine Million Menschen die Grenze nach Uganda. Mit den ankommenden Flüchtlingen wuchsen die Siedlungen. Im sogenannten Rhino Camp leben mittlerweile 120.000 Menschen. Die Siedlungen liegen in einer strukturschwachen Region, in welcher es wegen der Trockenzeit an Wasser mangelt. Malteser International engagiert sich deshalb im Bereich der Wasserversorgung. Die Mitarbeiter der Hilfsorganisation errichten motorisierte Brunnen und Wasserleitsysteme. In Schulungen erlernen die Anwohner den nachhaltigen Umgang mit Wasser und verbesserte Hygienepraktiken. 

Inzwischen wohnen Emanuel und seine Geschwister in einer kleinen Hütte, wo sich durch Hilfsorganisationen mit Wasser, Nahrung und Medizin versorgt werden. Aber langfristig kann nur der Zugang zu Bildung Emanuel aus seiner Abhängigkeit befreien. Emanuels Studium wäre das Ticket für eine bessere Zukunft für die gesamte Familie.


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