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"Wir sind nicht ein einziges Mal abgewiesen worden“

Das Gesundheitssystem im Libanon steht aufgrund multipler Krisen im Land massiv unter Druck und die Versorgung der Menschen wird zunehmend schwieriger. Malteser International betreibt gemeinsam mit der libanesischen Assoziation des Malteserordens bereits seit dem Jahr 2014 insgesamt sechs mobile Kliniken für Geflüchtete und bedürftige Libanesen und wird das Land auch in den kommenden Jahren unterstützen: Unter anderem ist die Modernisierung von elf Gesundheitszentren und die Einrichtung eines Trainingszentrums für medizinisches Personal in Beirut geplant. Außerdem hat ein umfangreiches Programm begonnen, mit dem in der Umgebung der medizinischen Zentren Einkommensmöglichkeiten für Landwirte geschaffen und die landwirtschaftliche Produktion belebt werden soll. 

Hussein hält die Hand seiner Mutter, während er auf seine Untersuchung wartet. Der Zehnjährige trägt Turnschuhe und Jogginghose, wie die meisten Jungen seines Alters in den Dörfern im Nordlibanon. An den Spielen und Aktivitäten der anderen Kinder kann Hussein jedoch nicht teilhaben. Es fällt ihm schwer sich zu konzentrieren, er kann kaum sprechen und leidet unter Inkontinenz – Folgen eines Hirnschadens aufgrund eines krankheitsbedingten gravierenden Sauerstoffmangels. 

In einer der mobilen Kliniken, die die Malteser in den entlegenen ländlichen Regionen des Libanons betreiben, erhält er dringend benötigte Medikamente. Hussein lebt mit seinen Eltern und seinen vier Geschwistern im Flüchtlingsdorf Fakiha im Norden des Libanons. Sie sind eine von zahlreichen Familien – insgesamt mehr als 1,5 Millionen Menschen – die vor der anhaltenden Gewalt in Syrien in das Nachbarland geflohen sind. Der Libanon ist nach der Türkei das zweitgrößte Aufnahmeland für Geflüchtete aus Syrien. Setzt man ihre Zahl in Relation zur Einwohnerzahl, dann hat der Libanon weltweit die meisten Menschen auf der Flucht aufgenommen – auch Iraker, Sudanesen, Äthiopier und Palästinenser suchen hier Schutz. Zusammengenommen machen sie mehr als ein Viertel der Bevölkerung des Landes aus.

Land unter Druck – multiple Krisen im Libanon

Die Situation im Libanon ist denkbar schwierig: Seit Jahren leidet das Land unter einer schweren politischen und wirtschaftlichen Krise, die Arbeitslosigkeit ist hoch und die steigende Entwertung des libanesischen Pfunds führt dazu, dass zunehmend mehr Menschen in Armut geraten und ihre täglichen Bedarfe kaum noch decken können. Allein zwischen Dezember 2020 und März 2021 stiegen die Lebensmittelpreise im Libanon um rund 400 Prozent. Mehr als die Hälfte der rund sechs Millionen Menschen im Land lebt mittlerweile unterhalb der Armutsgrenze. 

„Viele Libanesen fühlen sich zunehmend überfordert und empfinden ihre Situation als ausweglos. Die Lebensmittelpreise steigen. Allein den Alltag zu bewältigen, wird für immer mehr Menschen schwierig“, sagt Clemens Graf von Mirbach-Harff, Generalsekretär von Malteser International, der zuvor drei Jahre lang als Länderkoordinator im Libanon tätig war.

Die Corona-Pandemie setzt die ohnehin bereits enorm belasteten Gesundheits- und Sozialsysteme des Landes zusätzlich unter Druck. Das betrifft vor allem die Ärmsten:  Überall fehlt es den Gesundheitszentren und Krankenhäusern an finanziellen Mitteln, um die Menschen angemessen versorgen zu können. Hinzu kommt, dass viele Geflüchtete – und damit viele der besonders bedürftigen Menschen – in den ärmsten Regionen des Libanons leben, in denen die Infrastruktur in fast allen Bereichen unzureichend ist.

Mobile Kliniken ermöglichen Behandlungen für die Ärmsten

Ohne die mobilen Kliniken der Malteser würde es für viele Menschen wie Hussein und seine Familie keinen Zugang zu medizinischer Versorgung geben. Malteser International betreibt gemeinsam mit der libanesischen Assoziation des Malteserordens bereits seit dem Jahr 2014 insgesamt sechs mobile Kliniken für Geflüchtete und bedürftige Libanesen in den Provinzen Akkar, Nabatieh und in der Beeka-Ebene. Jeder dieser Klinikbusse ist mit einem Team aus zwei Ärzten, zwei Pflegekräften und zwei Fahrern besetzt, dazu kommen jeweils ein Sozialarbeiter und ein Einsatzkoordinator. In der Corona-Pandemie wurden die mobilen Kliniken an die neue Situation angepasst, etwa durch die Einrichtung aufstellbarer Isolierstationen und separater Wartebereiche, und die Ausstattung mit Desinfektionsmitteln und Schutzmaterial wurde verbessert. Jede mobile Klinik ermöglicht monatlich bis zu 1.200 Behandlungen. Schwere Fälle werden in Gesundheitszentren und Krankenhäuser überwiesen.

Hussein und seine Mutter kommen seit einem Jahr alle 15 Tage zu „ihrem mobilen Krankenhaus“, um den Jungen untersuchen zu lassen und seine Medikamente abzuholen. „Vorher konnte ich Hussein nicht zu einem Arzt bringen, wir hatten kein Geld für die Behandlung. Ich kann mich nicht genug für die Unterstützung bedanken, die wir hier erhalten. Wir sind nicht ein einziges Mal abgewiesen worden“, sagt Husseins Mutter, die sich um die Pflege des Jungen kümmert.   

Gesundheitssystem stärken, neue Lebensgrundlagen schaffen

Malteser International wird die Menschen im Libanon noch über viele Jahre unterstützen und begleiten. Unter anderem ist die Modernisierung von elf Gesundheitszentren und die Einrichtung eines Trainingszentrums für medizinisches Personal in Beirut geplant. Außerdem hat ein umfangreiches Programm begonnen, mit dem in der Umgebung der medizinischen Zentren Einkommensmöglichkeiten für Landwirte geschaffen und die landwirtschaftliche Produktion belebt werden soll. 

Im Fokus steht dabei auch die Weiterentwicklung der Aktivitäten für den sozialen Zusammenhalt und den interreligiösen Dialog in der Gesellschaft, so Mirbach-Harff: „Der Malteserorden ist seit mehr als sieben Jahrzehnten im Libanon aktiv und hat sich in dieser Zeit zu einem respektierten zivilgesellschaftlichen Akteur im Gesundheits- und Sozialbereich entwickelt, dem die Menschen vertrauen. Diese Erfahrung wollen wir nutzen, um eine Vision Wirklichkeit werden zu lassen: Den Aufbau einer Gesellschaft, die durch ihre religiöse Vielfalt gestärkt wird und auf die gemeinsamen Grundwerte von Liebe, Frieden, Gerechtigkeit und friedliche Koexistenz baut.“

(Mai 2021)

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