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Gesichter unserer Hilfe: Betoul Abras

Wie ein Flüchtling anderen Flüchtlingen eine Stimme gibt

„Memories Scattered by War“, auf Deutsch: „Vom Krieg zerbrochene Erinnerungen“ ist der Titel des Buches, das unsere Mitarbeiterin und Psychologin Betoul Abras im vergangenen Jahr veröffentlichte. Zehn Menschen, die aus Syrien in die Türkei geflohen sind, erzählen darin, was sie während des Krieges erlebt haben.

„Eines Tages, als sich die Bombardierungen verstärkten, saßen mein Mann Ahmed und ich im Wohnzimmer; unsere zehnjährige Tochter Shams machte ihre Hausaufgaben in ihrem Zimmer. Unsere Angst wuchs und Ahmed beschloss, einen Weg zu finden, wie wir aus Aleppo fliehen können. Er ging zu unserem Nachbarn, um ihn nach einem Ausweg zu fragen, und ich ging in Shams Zimmer. Ich packte ihre Kleidung, ihre Bücher und Notizbücher ein, ohne die sie auf keinen Fall gehen wollte. Ich ging in mein Zimmer, um mir und Ahmed etwas Kleidung zu holen, als ich plötzlich ein lautes Geräusch hörte und Rauch den ganzen Raum füllte, sodass ich nichts sehen konnte. Ich schrie ,Shams, Shams!‘, aber sie antwortete nicht.“
 

Krieg, Tod und Gewalt: Wie soll eine Familie damit zurechtkommen?

Erst Stunden später konnte die Tochter von Susan und Ahmed aus den Trümmern geborgen werden. Doch da kam bereits jede Hilfe zu spät. Jahre später berichtet Susan der Psychologin Betoul Abras von diesem traumatischen Nachmittag. „Es sind Geschichten wie diese, die mich dazu bewogen haben, ein Buch über die schrecklichen Auswirkungen der Gewalt während des Krieges in Syrien zu schreiben. Die Geschichte der zehnjährigen Shams, die während eines Bombenangriffs in Aleppo ums Leben kam, hat mich dabei am meisten berührt.

Zehn Jahre lang hatten ihre Eltern vergeblich versucht, ein Kind zu bekommen. Schließlich wurde wie durch ein Wunder ihre Tochter geboren. Nachdem Shams ums Leben gekommen war, verlor ihre Mutter jeden Lebenswillen. Als ich sie kennenlernte, sprach sie kein Wort. Anfangs saß sie schweigend in den Gruppensitzungen und nahm kaum Anteil an dem, was um sie herum geschah. Doch ich hatte Geduld. Nachdem sie Vertrauen zu mir gefasst und zugehört hatte, wie die anderen Frauen von ihren Erlebnissen berichteten, fing auch sie an, sich mir anzuvertrauen. Als ich ihre Geschichte Jahre später aufschrieb, weinte ich die ganze Zeit. Es hat mich sehr berührt“, erzählt Betoul.

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Betoul Abras: Eine syrische Geflüchtete verhilft anderen Geflüchteten in der Türkei zu alter Stärke zurück

Während Betoul Abras in Aleppo noch Psychologie studiert, herrscht bereits Krieg in Syrien und die Sicherheitslage verschärft sich von Monat zu Monat. Im Jahr 2012 beginnt sie im Anschluss an ihr Studium ein Praktikum und kümmert sich in einem Heim um Kinder, deren Eltern im Gefängnis sind. Doch die Situation in Aleppo spitzt sich zu, die Bombenangriffe werden immer häufiger, und so flieht Batoul im Jahr 2013 mit ihren Eltern in die Türkei.

Zuflucht findet sie in der türkischen Grenzstadt Kilis. Hier hilft sie anderen Flüchtlingen aus ihrer Heimat dabei, ihre oft traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten. Als Psychologin leitet sie von 2013 bis 2016 ein fünfköpfiges Team für psychosoziale Betreuung.  Respektvolle Gespräche und ihr Schreibtalent halfen Batoul, auch ihr eigenes Leid zu verarbeiten.

Die Unbarmherzigkeit des Krieges, die jeden Bereich der syrischen Gesellschaft durchdringt, spiegelt sich in den Geschichten der Patienten wider, die Betoul in ihrem Buch erzählt. „Die größte Herausforderung beim Schreiben dieses Buches war es, eine Auswahl der Geschichten zu treffen. So viele Berichte meiner Patienten hatten mich berührt. Ich versuchte dann, ganz unterschiedliche Patienten zu Wort kommen zu lassen, um die Grausamkeiten in ihrer gesamten Bandbreite aufzuzeigen“, sagt Betoul. In den drei Jahren, die sie Geflüchtete psychosozial betreute, kamen Hunderte Patienten zu ihr, manchmal 30 an einem Tag.

Respekt und ein offenes Ohr – beides sehr selten inmitten eines Kriegs – sind wesentlich für Betouls Arbeit und maßgeblich dafür, dass ihr die Geflüchteten ihre Leidensgeschichten erzählten. Auch darum sind die Erfahrungsberichte in ihrem Buch so persönlich und eindringlich.

 „Wenn ich einem Patienten zum ersten Mal begegne, versuche ich zunächst, eine ruhige und entspannte Atmosphäre zu schaffen, indem ich mit ihm über ganz allgemeine Themen spreche, beispielsweise über seine Lieblingsthemen oder seine Lieblingsbeschäftigungen. Falls der Patient verwundet ist, versuche ich, den Grund für die Verletzung in Erfahrung zu bringen. Ganz besonders wichtig ist es, dem Patienten aufmerksam zuzuhören, auf alles zu achten, was er sagt, und ihm Respekt und Wertschätzung entgegenzubringen.“

So entstand ein eindrückliches Bild der Auswirkungen des Krieges auf die Überlebenden. Zugleich zeigen die Berichte, wie gut es ihr gelingt, Vertrauen zu den Menschen aufzubauen.

Malteser International sieht die Stärken syrischer Frauen und hilft ihnen bei ihrer Traumaverarbeitung und Integration in die türkische Gesellschaft

Viele Flüchtlinge haben auf Grund ihrer Traumata Schwierigkeiten, sich in eine Gemeinschaft zu integrieren. In Kilis helfen wir vor allem Frauen dabei, sich in die türkische Gesellschaft zu integrieren und für den Arbeitsmarkt zu qualifizieren. Zunächst bekommen sie von unseren Mitarbeitern psychosoziale Unterstützung, um ihre mentale Stabilität zurückzugewinnen. Auch Kindern bieten wir individuelle Therapien und Gruppensitzungen an, um ihre traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten. In einem weiteren Schritt erlernen die syrischen Frauen die türkische Sprache, können an Handarbeits- und Kochkursen teilnehmen, führen Gespräche mit Arbeitsvermittlerin und lernen schließlich auch noch Englisch.

Seit drei Jahren arbeitet Betoul Abras nun nicht mehr direkt mit Patienten zusammen, sondern unterstützt uns bei der administrativen Arbeit.

Doch die Erfahrungsberichte ihrer Patienten aus der Zeit, als sie noch direkt mit den Patienten arbeitete, haben sie bis heute nicht losgelassen. „Das Aufschreiben dieser zehn Lebenserfahrungen meiner Patienten hat mir sehr dabei geholfen, meine eigene Flucht und auch die schrecklichen Berichte dieser Menschen besser zu verarbeiten. Ich wollte nicht allein diejenige sein, die all diese furchtbaren Berichte zu hören bekommt. Die ganze Welt soll von diesem unermesslichen Leid erfahren“, sagt sie.

 

Fotos: Gonzalo Bell/Malteser International

März 2019

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