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Globale Ziele, lokale Lösungen

Ein Beitrag von Sid Peruvemba, stellvertretender Generalsekretär und Programmdirektor bei Malteser International

Migration, Flucht, ökonomische Ungleichgleichheit, klimatische Veränderungen – das Register von Problembeschreibungen wird jedes Jahr erweitert. Die internationale Hilfe reagiert darauf mit einem Arsenal von Verbesserungsansätzen, deren Wirkung aber oft oberflächlich bleibt. Der Ruf nach globalen Strategien ist laut, verliert sich aber in der eigenen Komplexität und in einem Weltrettungsanspruch, für dessen Realisierung es nicht nur an Geld, sondern auch an politischem Willen mangelt. Malteser International ist selbst Teil eines immer unüberschaubareren Systems der Hilfe. Umso wichtiger ist es, unsere Beiträge zur internationalen Hilfe zu fokussieren und sie mit Exzellenz, Ehrlichkeit und Empathie zu leisten.

Das Klima ist rauer geworden: Das zeigt sich nicht nur buchstäblich in der zunehmenden Anzahl extremer Wetterereignisse und wetterbedingter Naturkatastrophen, sondern im übertragenen Sinne auch anhand der weltweiten Flucht- und Migrationsbewegungen, die in ihrer Dynamik im vergangenen Jahr noch einmal alarmierend an Fahrt aufgenommen haben. Rund 68 Millionen Menschen – das ist mehr als die Gesamtbevölkerung Frankreichs – befanden sich im Jahr 2018 weltweit auf der Flucht.

Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig und gehen weit über die üblichen Erklärungen der »Flucht vor Kriegen und Gewalt« hinaus. Nicht immer ist die Fluchtursache der Menschen so klar ersichtlich wie in den Kriegsregionen des Nahen Ostens. Verfolgung aufgrund der eigenen Religionszugehörigkeit, Ethnie, politischer oder sexueller Orientierung sowie ökonomischer Not zwingen immer mehr Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen. Fluchtursachenbekämpfung bedeutet, diesen Auslösern entgegenzusteuern. Dies gelingt nur mit einem soliden politischen Fundament und einer starken Menschenrechtspolitik. Humanitäre Hilfsorganisationen können hier maximal als Katalysatoren wirken. Ihr Kernmandat bleibt jedoch die unmittelbare Linderung von menschlichem Leid und der negativen Auswirkungen von Flucht und Vertreibung.

Flüchtlinge im Irak: Wir helfen Menschen, die besonders geschwächt und bedürftig sind. Foto: Malteser International

So lokal wie möglich…

Etwa 89 Prozent aller Flüchtlinge und 99 Prozent aller intern vertriebenen Menschen leben in Entwicklungsländern. Der Zusammenhang von Armut und Flucht ist unübersehbar, um nicht zu sagen trivial. Der Schlüssel für die dringend benötigten langfristigen Perspektiven liegt bei den nationalen Regierungen – nicht nur, aber dort besonders. Isolierte Entwicklungsmaßnahmen allein erzielen keine Wirkung. Nur das Zusammenspiel von nationalen Maßnahmen und internationalen Unterstützungen, kombiniert mit einer entwicklungspolitisch geprüften Wirtschafts-, Sozial-, Umwelt- und Sicherheitspolitik, kann diese Perspektiven bringen.Die Stärkung nationaler und lokaler Akteure sowie der Zivilgesellschaft – Lokalisierung genannt – spielt in diesem Zusammenhang eine große Rolle und steht hoch auf der Agenda von Malteser International. Auch auf der unüberschaubaren Liste der Verpflichtungserklärungen, die die Teilnehmer des Humanitären Weltgipfels 2016 in Istanbul abgegeben haben, steht diese Verpflichtung ganz oben. In den meisten Einsatzländern sind es erst die lokalen Partnerorganisationen, die unsere Hilfe möglich machen und in konkrete Aktion übersetzen. Im Krisenfall sind sie unabdingbar für schnelle und effiziente humanitäre Hilfe. Sie sind in der Regel zuerst am Einsatzort, verfügen über Ortskenntnisse und überwinden Sprach- und kulturelle Barrieren, mit denen internationale Helfer konfrontiert sind.


»An der Stärkung von Selbstbestimmung und Eigenverantwortung führt kein Weg vorbei«


In Dohuk, Irak, arbeiten wir lokalen Ärzteorganisationen zusammen. Foto: Emily Kinskey

All das liegt auf der Hand. Und dennoch haben lokale Akteure längst nicht den Status, die Entscheidungsfreiheit oder die Finanzierungsmöglichkeiten, die ihnen zukommen sollten. Zu groß ist das Macht- und Finanzgefälle. Zudem gibt es Situationen, in denen lokale Akteure an ihre Grenzen kommen, wenn etwa die Kapazitäten nicht ausreichen oder sie in Konflikten nicht neutral auftreten können. Dennoch: An der Lokalisierung führt kein Weg vorbei. Sie ist auch keine Erfindung der humanitären Welt, sondern im Kern ein bewährtes Handlungsprinzip moderner Gesellschaftsordnung. Dort trägt sie den Namen Subsidiarität und besagt, dass Aufgaben und Problemstellungen stets von der kleinstmöglichen Einheit bewältigt werden sollen und übergeordnete Instanzen nur dann eingreifen, wenn es unbedingt nötig ist.

Dieses Prinzip, das über die humanitäre Lokalisierungsstrategie hinausgeht, ist nicht nur ein technisches, sondern auch moralisches Projekt. Wir werden uns weiter für mehr Selbstbestimmung und Eigenverantwortung der Menschen vor Ort einsetzen. In Zukunft wird entscheidend sein, wie wir Prozesse in die Standorte verlagern und die Menschen, denen unsere Arbeit zugutekommt, nicht nur mitreden zu lassen, sondern sie entscheiden zu lassen.

... So international wie nötig

Einige Krisen oder Naturkatastrophen sind in ihren Dimensionen so gewaltig, dass sie selbst für Länder, die über gute Ausstattung und Kriseninterventionsmechanismen verfügen, alleine nicht zu bewältigen sind. Dann braucht es internationale Hilfe von speziell dafür ausgebildeten Expertenteams, die die lokalen Einsatzkräfte im Bedarfsfall unterstützen können. Für diese Fälle bauen wir auch in Zukunft unsere Nothilfekapazitäten weiter aus – zentral als flexibles Einsatzteam und dezentral in den Regionalbüros. In Afrika haben wir in Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt erstmalig ein länderübergreifendes Programm auf den Weg gebracht, um die Nothilfe in besonders gefährdeten Regionen langfristig effizienter zu machen.

Gleichzeitig engagieren wir uns verstärkt in der Netzwerkarbeit mit den koordinierenden Organen der Vereinten Nationen. In Zeiten immer komplexerer Krisen wird die Koordination und Zusammenarbeit aller Akteure der humanitären Hilfe eine immer wichtigere Rolle spielen. Dazu gehört es auch, bestehende Partnerschaften und Abkommen mit lokalen Institutionen fest zu etablieren, um im Krisenfall schnell reagieren zu können. Je besser die Koordinierungsmechanismen arbeiten, umso effizienter die Hilfe für Menschen in Not.

Mit der Agenda 2030 haben die Vereinten Nationen 17 Nachhaltigkeitsziele ausgerufen. Foto: Vereinte Nationen/Bundesregierung

Agenda 2030: 17 Ziele für eine bessere Zukunft

Mehr als 90 Prozent der Menschen, mit denen wir arbeiten, leben in fragilen Staaten. Was muss geschehen, damit sich das Leben dieser Menschen dauerhaft verbessert? Die Vereinten Nationen haben mit der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung ein Rahmenwerk geschaffen, das eine gute Orientierung für unsere Arbeit und damit verbundene Zielvorstellungen bietet. Besonders relevant unter den insgesamt 17 Nachhaltigkeitszielen sind für uns die Themen: Ende der Armut in allen ihren Erscheinungsformen, ein gesundes Leben für Menschen jeden Alters, Hunger beenden, saubere Wasser- und Sanitäreinrichtungen für alle sowie die Förderung einer friedlichen und inklusiven Gesellschaft. In unserer langfristigen Entwicklungszusammenarbeit orientieren wir uns an diesen Zielen und den dazu gehörigen Maßnahmen. 

Neue Wege für die nationale und internationale Zusammenarbeit

Um für die Zukunft gerüstet zu bleiben, suchen wir in unserer Arbeit immer wieder nach neuen Wegen und Partnerschaften. In Uganda haben wir in Zusammenarbeit mit einem Privatunternehmen ein erstes Modellprojekt begonnen, das durch den Einsatz klimaneutraler Baumaterialien nicht nur die Umweltbelastungen in der Region reduziert, sondern auch Zukunftsperspektiven und Arbeitsplätze für Flüchtlinge und junge Menschen in Uganda bieten wird. Partnerschaften wie diese werden in Zukunft eine immer wichtigere Rolle in unserer Arbeit spielen. In der internationalen Hilfe werden wir uns in den kommenden Jahren auf zahlreiche Veränderungen einstellen müssen. Ich persönlich blicke diesen Herausforderungen mit der Gewissheit entgegen, dass wir bei Malteser International alles dafür tun werden, weiter Menschen in Not bestmöglich zu helfen und unseren Erfolg ausschließlich daran zu messen.  

(Auszug aus unserem Jahresbericht 2018)

 

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