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Frauen in Not: Interview mit Global Protection Managerin Helen Hayford

Helen Hayford arbeitet als Global Protection Managerin bei Malteser International. Foto: Malteser International

Warum ist es in unserer Arbeit, also in der humanitären Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit, so wichtig, einen Fokus auf Frauen und Mädchen zu legen?

Frauen werden ungleich behandelt. Sie sind häufiger arm, sie haben schlechtere Jobs, weniger landwirtschaftlichen Besitz, sie erleben häufiger als Männer geschlechtsspezifische Gewalt. Diese Ungleichbehandlungen und Diskriminierungen merken wir im Globalen Norden, aber im Globalen Süden sind diese noch häufiger zu sehen, vor allem dann, wenn die Ressourcen knapp sind, die Menschen auf der Flucht sind, sie die Folgen des Klimawandels zu spüren bekommen oder in Konfliktsituationen leben. Dieser Ungerechtigkeit müssen wir auch in unserer Arbeit etwas entgegensetzen. Deshalb legen wir bei Malteser International (MI) im Rahmen unserer weltweiten Maßnahmen in der humanitären Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit ein besonderes Augenmerk auf die Bedürfnisse, Hindernisse und Kapazitäten von Frauen und Mädchen.

Woran lässt sich die Ungleichheit festmachen?

Die Ungleichheiten sind ganz vielfältig. Sie betreffen das Einkommen, die Bildung, den Zugang zu Gesundheitsversorgung und z.B. die Möglichkeit, sicher ein Kind auf die Welt zu bringen, ohne das eigene Leben oder das des Kindes zu gefährden.

Laut UN-Statistik sind global 70% aller Frauen von Armut bedroht, jede 10. Frau lebt in extremer Armut. Setzt sich dieser Trend fort, so werden bis 2030, mehr als 340 Millionen Frauen und Mädchen unter der Armutsgrenze leben, d.h. sie müssen mit weniger als 2€ pro Tag auskommen. Viele Frauen haben insgesamt schlechte Voraussetzungen für einen Zugang zu und Kontrolle über ökonomischen Ressourcen. Weltweit haben lediglich 15% aller Frauen Zugang zu landwirtschaftlichem Besitz.

In sieben von zehn Haushalten sind Frauen und Mädchen zwischen 10-15 Jahren aufgrund fehlender Wasserversorgung im Haushalt für das Wasserholen zuständig. Oft sind die Wege zu den Brunnen weit, was wiederrum bedeutet, dass die Mädchen nicht zur Schule gehen können und so weniger Bildung bekommen als Jungen.

Warum ist auch bei unseren Gesundheitseinrichtungen ein Blick auf die Frauen wichtig?

Viele Frauen sind bei der Geburt ihrer Kinder Gefahren ausgesetzt, weil sie keinen Zugang zu einer angemessenen gesundheitlichen Versorgung haben. Gemäß der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stirbt alle zwei Minuten eine Frau, entweder bei der Geburt ihres Kindes oder während der Schwangerschaft.

In vielen Projekten, die wir in derzeit in 35 Ländern weltweit haben, legen wir deshalb einen besonderen Fokus auf die Gesundheit von Frauen und Müttern. In Thailand beispielsweise versorgen wir geflüchtete Frauen und Mütter in einem Camp an der Grenze zu Myanmar. Dort werden sie während der Schwangerschaft, der Geburt und auch danach versorgt. Sie erhalten außerdem Trainings, wie eine gesunde Ernährung aussieht, und auch ihre Kinder werden in unserer Gesundheitseinrichtung versorgt.

Wie kann der Bau eines Brunnens dabei helfen, das Leben von Frauen zu erleichtern?

Ich nenne hier mal ein Beispiel, warum es wichtig ist, einen geschlechtergerechten Zugang zu einer menschenwürdigen und inklusiven Wasser-, Sanitär- und Hygieneversorgung zu schaffen. In vielen Ländern des Globalen Südens, gerade in Krisensituationen, haben Frauen häufig keinen direkten Zugang zu sanitären Einrichtungen. Brunnen und Latrinen sind oftmals weit entfernt. Vor allem nachts sind Frauen und Mädchen auf ihren Wegen Gefahren von Übergriffen ausgeliefert. Was wir dagegen unternehmen? Im Südsudan sind Frauen infolge unserer Projekte in den Dörfern rund um die Stadt Wau gleichberechtigt in den Entscheidungsprozessen der Kommunen-basierten Wasserausschüsse eingebunden. Sie helfen somit dabei, die spezifischen Belange von Frauen und Mädchen (z.B. Menstruations-Management) auf gerechte Weise in der Wassernutzung zu integrieren. Unter Berücksichtigung der Bedürfnisse von Frauen und Mädchen werden Brunnen gebaut, die an gut sichtbaren und zentralen Orten und in Wohnnähe angesiedelt sind. Regelvereinbarungen in der Kommune werden getroffen, um die Bedrohung von Sicherheit und Würde von Frauen und Mädchen zu verringern.

Wie kann Gleichberechtigung die wirtschaftliche Entwicklung einer Gesellschaft stärken?

Eine verbesserte wirtschaftliche Teilhabe von Frauen schafft den Weg für den Abbau von geschlechtsspezifischen Barrieren, bekämpft Armut und stärkt die wirtschaftliche Entwicklung einer Gesellschaft. Das bedeutet: Wenn Frauen besser in den Arbeitsmarkt integriert werden, dann profitiert die gesamte Gesellschaft davon – auch die Männer.

Ein Beispiel aus unserer Arbeit: In Haiti werden Fischerinnen in der Ortschaft Nippes in der Produktvermarktung und -konservierung unterstützt. Wir stellen den Frauen die technischen Geräte zur Verfügung und versorgen sie außerdem mit dem notwendigen Fachwissen in der Unternehmensführung. Dies fördert nicht nur eine finanzielle Unabhängigkeit, sondern stärkt das Wirtschaftspotenzial dieser Frauen in ihrer Kommune.

Was sind die Folgen von geschlechtsspezifischer Gewalt?

Weltweit ist jede dritte Frau eine Überlebende geschlechtsspezifischer Gewalt. Ihr wurde also Gewalt angetan, weil sie eine Frau ist. Aus den Übergriffen folgen gesundheitliche Probleme für die Mädchen und Frauen wie Angststörungen, Depressionen, sexuell übertragbare Infektionen usw. Außerdem werden sie häufig stigmatisiert, von ihren Familien und Gemeinden gemieden und so sind sie auch nach der Gewalttat weiterer psychischer Gewalt ausgesetzt. Bis zu 70% aller Frauen erleben häusliche Gewalt.

In Nigeria (Borno-Staat im Nord-Osten des Landes), haben wir für Frauen, die Gewalt erlebt haben, sogenannte Safe spaces eingerichtet. Dort erhalten Frauen und Mädchen, die geschlechtsspezifische Gewalt erfahren haben, psychosoziale Unterstützung. Im Rahmen dieses Projektes werden die bestehenden Barrieren, die eine volle Teilhabe an der Gesellschaft verhindert haben, gebrochen. Frauen erhalten die Möglichkeit, an einkommensgenerierenden Fortbildungsmaßnahmen teilzunehmen und somit nachhaltig und würdevoll ihre wirtschaftliche Lebensgrundlage zu stärken.

Wir sind der Überzeugungen, dass Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe nur dann effizient wirken kann, wenn die spezifischen Bedürfnisse von Frauen und Mädchen berücksichtigt und gezielte Maßnahmen ergriffen werden, um eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Mädchen zu stärken.

 

Ihr Kontakt

Katharina Kiecol
+49-(0)221-9822-7181
Email: katharina.kiecol(at)malteser-international.org

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