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Klinikmanagerin im größten Flüchtlingscamp der Welt - Im Interview mit Dr. Sadia Afroz

Seit fast drei Jahren arbeitet Dr. Sadia Afroz im größten Flüchtlingscamp der Welt in Cox’s Bazar in Bangladesch und setzt sich tagtäglich als Klinikmanagerin in einer der drei Gesundheitsstationen unserer lokalen Partnerorganisation Gonoshasthaya Kendra (GK) mit viel Hingabe für die Gesundheit der Rohingya ein. Wir haben mit ihr über ihre Arbeit, die Herausforderungen vor Ort, den Gesundheitszustand der Geflüchteten und ihre Motivation gesprochen.

Wie sind Sie zu Ihrem Job als Klinikmanagerin
einer Gesundheitsstation im Rohingya-
Flüchtlingscamp gekommen?

Dr. Sadia Afroz: Ich liebe die Arbeit mit Kindern, werdenden Müttern und älteren Personen. Sie sind am stärksten gefährdet und benötigen unseren besonderen Schutz. Als ich 2018 meinen MBBS-Kurs (Bachelor of Medicine, Bachelor of Surgery) an der medizinischen Hochschule von GK absolvierte, beschloss ich, dass ich nach Cox's Bazar gehen muss, wenn ich das tun möchte, was ich am meisten liebe: Menschen in Not beistehen. Gonoshasthaya Kendra gab mir die Möglichkeit, in den Flüchtlingscamps zu arbeiten und so begann ich meinen Job als Klinikmanagerin in einer der drei Gesundheitsstationen, die von Malteser International in den Camps unterstützt werden.

Welchen Herausforderungen standen Sie gegenüber, als Sie Ihre Arbeit als Klinikmanagerin begannen?

Zu Beginn stand ich vor vielen Herausforderungen. Als weibliche Klinikmanagerin in einem Flüchtlingscamp, in einem religiös geprägten Kontext, in einem Umfeld mit vielen Männern hatte ich es nicht leicht. Aber ich nahm diese Herausforderungen an und setzte mir zum Ziel, sie zu überwinden – um es für mich leichter zu machen und auch um den Menschen, die zu mir kommen, besser helfen zu können. Die Einflussnehmer im Camp sind zum Beispiel meist männlich. Sie werden Majhis genannt. Als Klinikmanagerin ist der Austausch mit den Menschen im Camp sehr wichtig, deshalb gehört es auch dazu, dass ich mit den Majhis spreche. Am Anfang wollten sie jedoch keine Treffen mit mir vereinbaren. Sie dachten wohl "Oh, das ist eine Frau, mit der muss ich nicht reden. Was kann sie schon für uns tun?“. Also begann ich, mit den Menschen im Camp zu sprechen. Wann immer ich die Patientinnen und Patienten konsultierte und behandelte, sprach ich mit ihnen und hörte ihnen geduldig zu. Ich ging auch in die Gemeinden und tauschte mich mit den Menschen dort aus. Und von Tag zu Tag öffneten sie sich mir gegenüber mehr und begannen, mir zu vertrauen. Als ich nach etwa sechs Monaten ein weiteres Treffen mit Majhis in der Gesundheitseinrichtung hatte, kamen sie auf mich zu und teilten mit mir ihre Anliegen. Das zeigte mir: Wenn man eine Herausforderung überwinden will, muss man sich ihr stellen, sie selbst angehen und lösen. Es gibt keinen Weg daran vorbei.

Sie haben also die Rohingya-Sprache gelernt? Wie war diese Erfahrung?

Als ich anfing, die Sprache zu lernen, muss ich mich angehört haben wie ein Baby, das spricht. Wenn Leute zu mir kamen und ich auf ihrer Sprache sprach, lachten sie mich aus. Aber sie verstanden mich trotzdem und sahen, dass ich versuchte, ihre Sprache zu lernen. Deshalb kamen sie zu mir. Nach einigen Monaten habe ich die Sprache gemeistert, mittlerweile kann ich fließend mit den Patientinnen und Patienten reden.

Wie war die gesundheitliche Situation der Menschen im Camp, als Sie Ihre Arbeit begannen, und wie ist die Situation jetzt? Hat sich etwas verändert? Welche Probleme sehen Sie besonders häufig?

Als ich anfing mit den Patientinnen und Patienten zu arbeiten, stellte ich fest, dass nur wenige schwangere Frauen in die Gesundheitsstation kommen. Es gab so viele Barrieren für sie. Das führte dazu, dass viele Frauen Komplikationen bei der Entbindung hatten. Da sie während der Schwangerschaft nicht untersucht und aufgeklärt wurden, erfuhren sie auch nichts über Risiken während der Schwangerschaft und weitere schwangerschaftsbedingte Komplikationen. Wir überlegten intensiv, wie wir diesen Zustand verbessern konnten. Es war klar, dass wir nicht allein das Problem lösen können. Aber wir hatten die Möglichkeit, einige Initiativen zu ergreifen. Also führten wir über unser Outreach-Team Sensibilisierungsmaßnahmen durch. Wir stellten traditionelle Geburtshelferinnen aus den Rohingya-Gemeinden ein, weil sich die Frauen natürlich wohler fühlen, wenn sie von jemanden aus ihrer Gemeinschaft in der Schwangerschaft begleitet werden. Die TBAs (Traditional Birth Attendants) kamen also in unsere Gesundheitseinrichtung und wir begannen, sie zu schulen, indem wir ihnen z. B. Bilder von Gefahrenzeichen zeigten, mit ihnen über Probleme sprachen, die bei Hausgeburten auftreten können, und darüber, wie wir in der Gesundheitsstation helfen können. Und wir konnten glücklicherweise beobachten, dass die Zahl der Entbindungen in der Einrichtung zunahm.

Ein weiteres großes Problem, das wir sehr häufig sehen, sind Hautkrankheiten. Die Menschen leben im Camp sehr eng beieinander. In einem Haus leben mindestens 5 bis 10 Personen, sodass Hautkrankheiten schnell von einer Person auf die andere übertragen werden. Auch der Zugang zu sauberem Wasser, Hygiene und Sanitärversorgung ist mangelhaft. Das mache es schwierig, die Krankheiten zu beseitigen.

Wie ist der mentale Gesundheitszustand der Menschen in den Flüchtlingscamps?

Alle Menschen hier im Camp haben schreckliches erlebt und waren mit traumatischen Situationen konfrontiert, da so viele Rohingya in Myanmar getötet wurden. Viele Menschen haben die Menschen verloren, die ihnen am nächsten standen, ihre Ehemänner, Ehefrauen, ihre Kinder. Wenn sie wegen ihrer gesundheitlichen, physischen Probleme in unsere Einrichtung kommen und mit uns sprechen, werden viele Menschen häufig sehr emotional und fangen an zu weinen. Wir schicken sie dann zu unseren Psychologinnen und Psychologen. Denn Gesundheit ist ein kompaktes Paket. Mentale Gesundheit, körperliche Gesundheit und das gesamte Wohlbefinden hängen voneinander ab. Wenn wir also nur die körperlichen Probleme behandeln und die psychische Gesundheit außer Acht lassen, wird es keine vollständige Heilung geben. Deshalb bieten wir in unserer Gesundheitseinrichtung auch psychosoziale Unterstützung an.

Wer wird in Ihrer Gesundheitseinrichtung betreut?

Wir bieten nicht nur der Rohingya-Bevölkerung kostenlose Gesundheitsdienste an, sondern auch den in der Nähe der Camps lebenden bangladeschischen Gemeinden. Dies ist wichtig, um das friedliche Zusammenleben der Gemeinden zu fördern. Wenn Mitglieder der lokalen Bevölkerung in unsere Gesundheitsstation kommen, erhalten sie ebenfalls alle Angebote kostenfrei und es ist uns wichtig zu zeigen, dass auch sie hier willkommen sind. Nur gemeinsam mit den Menschen in Bangladesch können wir ein friedliches Zusammenleben in Cox’s Bazar gewährleisten. Wir behandeln also alle Patientinnen und Patienten gleich und freuen uns, dass auch die lokale Bevölkerung unsere Dienste regelmäßig wahrnimmt.

Was sind für Sie persönlich schwierige Momente
in Ihrem Arbeitsalltag?

Es ist schwierig für mich, so weit von meiner Familie entfernt zu leben. Meine Mutter ist Dialysepatientin. Wenn sie eine Notfallbehandlung braucht, oder wenn sie mich sehen will oder aufgewühlt ist, ist es zu weit für mich, um sie spontan zu besuchen. In solchen Momenten ist es nicht leicht für mich. Aber ich konnte bereits viel in den vergangenen Jahren für meine Mutter regeln und dennoch aus der Ferne für sie da sein. Meine Familie ist neben meinem Beruf für mich meine zweite Verantwortung. Und ich weiß: Wenn ich meine Patientinnen und Patienten gut versorge, wird jemand anderes auch meine Mutter gut versorgen.  

Wer ist Ihr Support-System?

Das ist mein Mann. Er unterstützt mich sehr und hat mich nie aufgehalten. Er vertraut mir. Als Klinikmanagerin muss ich mich um die Verwaltung, das Personal, die Kommunikation kümmern, die Organisation repräsentieren, zu Besprechungen gehen und mit verschiedenen Interessengruppen in Kontakt treten. Da sind die Tage häufig lang. Doch er hat Verständnis und sich noch nie beschwert. Im Gegenteil. Ich mache gerade meinen Master of Public Health, und auch dabei unterstützt er mich. Er gibt mir Energie und Kraft, weiter für Menschen in Not einzustehen.

Was möchten Sie den Menschen sagen, die Ihre Arbeit und die Menschen in den Flüchtlingscamp unterstützen möchten? Wie können sie helfen?

Dies ist ein Megacamp, das größte Flüchtlingscamp der Welt. Die Menschen leben hier mittlerweile schon mehr als 4 Jahre. Es werden noch immer Spenden benötigt, um die anhaltenden Herausforderungen zu bewältigen, mit denen die Menschen im Camp konfrontiert sind. Bangladesch kann all die Menschen nicht allein ernähren und versorgen. Dafür braucht es auch die Unterstützung von Hilfsorganisationen wie GK und Malteser International. Denn nur gemeinsam können wir diesen Menschen beistehen und ihnen helfen.

Das Interview wurde im November 2021 geführt.

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Unsere Arbeit in Bangladesch

Um die Bedingungen in den Flüchtlingscamps zu verbessern, ist Malteser International seit Beginn der Krise in Bangladesch vor Ort und leistet in den Bereichen Gesundheit, Wasser, Hygiene und Ernährung wichtige Hilfe für Flüchtlinge und Gastgemeinden. Dank der finanziellen Unterstützung durch das Auswärtige Amt und Aktion Deutschland Hilft e.V. sind wir in der Lage, den Betrieb von drei Gesundheitsstationen der bangladeschischen Organisation Gonoshasthaya Kendra (GK) zu ermöglichen. Neben der umfassenden Finanzierung der Gesundheitsstationen unterstützen wir in der Implementierung sowie der administrativen und technischen Abwicklung des Projekts, um die Kapazitäten unserer Partnerorganisation zu stärken und die Qualität der Hilfe sicherzustellen.

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