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Unterwegs mit der mobilen Klinik im Libanon

Für viele Menschen im Libanon sind die mobilen Kliniken die einzige Möglichkeit, Zugang zu medizinischer Versorgung zu erhalten.

»Achtzehn, neunzehn, zwanzig.« Mit flinken Fingern zählt Lamise noch ein letztes Mal die Medikamente durch:  Schmerz- und Bluthochdruckmittel, Antiallergika, Medizin für Atemwegserkrankungen und, und, und. Genug, um rund 100 Patientinnen und Patienten für knapp drei Wochen zu versorgen. Im vergangenen Sommer, auf dem bisherigen Höhepunkt der Wirtschaftskrise im Libanon, fiel die lokale Währung auf ein Rekord-Tief, die Preise im Land explodierten. Medikamente wurden für die meisten Menschen im Land unbezahlbar und die Nachfrage nach kostenloser Unterstützung schnellte in die Höhe: »Im Juli und August waren unsere Regale größtenteils leer«, berichtet Lamise. Sie nickt ihrem männlichen Kollegen Sleiman zu, der eine große Kiste gut gelaunt aus dem Lager in die mobile Klinik räumt. Die Arztpraxis auf Rädern rollt gleich los, um Patientinnen und Patienten im Nordosten des Libanons zu behandeln und sie mit den nötigsten Medikamenten zu versorgen. Zwei Tage lang darf ich im März 2022 als Journalist das gemeinsame Projekt von Malteser International und der libanesischen Assoziation des Malteserordens begleiten, um mehr über die Arbeit der Malteser und die medizinische Versorgung im Libanon zu erfahren.

Vier mobile Kliniken versorgen entlegene Regionen im Norden und Süden des Libanon

Das Projekt »Mobile Gesundheit für konfliktbetroffene syrische Flüchtlinge und Libanesen« wurde im Jahr 2015 ins Leben gerufen und mit steigendem Bedarf weiter ausgebaut. Heute umfasst es insgesamt vier mobile Kliniken, die jeweils in den Regionen Akkar (Norden), Baalbek-Hermel (Nordosten), Nabatieh und Tyrus (Süden) rotieren. Die Basis der mobilen Klinik Baalbek-Hermel befindet sich in Ras Baalbek, rund 120 Kilometer von Beirut entfernt in der Bekaa-Ebene. Eingekesselt von zwei schneebedeckten Gebirgsmassiven, welche die Region im Westen von der Mittelmeerküste und im Osten von Syrien trennen, zieht sich die Bekaa-Ebene fast durch den gesamten Libanon. Wir befinden uns ganz im Norden des Landes, kurz vor der syrischen Grenze.

Viele der Libanesinnen und Libanesen, die hier leben, sind bitterarm. Hinzu kommen noch rund 339.000 syrische Geflüchtete, die vor allem in informellen Camps untergebracht sind. Es gibt fast keinen Strom vom Staat und den Diesel für die privaten Generatoren können sich hier genauso wenige Menschen leisten wie den Sprit zu einer der rund 40 Kilometer entfernten Arztpraxen oder einem der Krankenhäuser in den größeren Städten Baalbek oder Zahlé. Die einzige Versorgung für die Menschen kommt von Nichtregierungsorganisationen, wie beispielsweise durch die mobile Klinik der Malteser.


Unsere Hilfe im Libanon

28.000 Menschen wurden durch die mobilen Kliniken insgesamt im Jahr 2021 in den entlegenen Regionen im Süden und Norden des Landes versorgt.
40.000 Zusätzlich zu der mobilen Gesundheitsversorgung unterstützt Malteser International in einem auf vier Jahre angelegten Projekt den Aufbau der lokalen Gesundheitsstrukturen. Teil des Projekts ist die Modernisierung von elf Gesundheitszentren und die Einrichtung eines Trainingszentrums für medizinisches Fachpersonal in Beirut. Im vergangenen Jahr konnten in den von den Maltesern unterstützten Gesundheitszentren bereits nahezu 40.000 Patientinnen und Patienten behandelt werden.
9 Um die Ernährungslage im Land zu verbessern, werden landwirtschaftliche Akteure an neun Standorten dabei unterstützt, auch in der Krise die Produktion aufrechterhalten zu können.

Erste Station: Nabih Osmane

Unser heutiges Ziel heißt Nabih Osmane, ein überwiegend schiitisches Dorf. Knapp ein Drittel der rund 8.000 Einwohnerinnen und Einwohner sind Geflüchtete. Dichter Nebel liegt an diesem Morgen über den zu dieser Jahreszeit brach liegenden Feldern der Bekaa-Ebene. Anwar, der Fahrer der mobilen Klinik, muss regelmäßig fausttiefen Schlaglöchern in der Straße ausweichen. Der Winter ist hier dieses Jahr besonders hart. Sturm Hiba legte im Januar für zwei Wochen die gesamte Region lahm und bedeckte ab 600 Meter Höhe den Libanon mit einer dicken Schicht Schnee. Minus sieben Grad zeigte das Thermometer in der Bekaa-Ebene, eine Katastrophe für die in Zelten lebenden Flüchtlinge und die vielen Libanesinnen und Libanesen, die derzeit ohne Strom in bitterkalten Häusern sitzen.

Heute ist es zum Glück wärmer und als wir Nabih Osmane erreichen, durchstoßen sogar einige Sonnenstrahlen zaghaft den Nebel. Es ist das erste Mal seit dem schweren Wintersturm, dass die mobile Klinik hier Halt macht. Um alle Dörfer und Regionen der Bekaa-Ebene abzudecken, rotiert die Klinik und fährt jeden Ort im Zwei-Wochen-Rhythmus für jeweils einen Tag an. Während Sturm Hiba kamen vor zwei Wochen nur 41 Patientinnen und Patienten zur Untersuchung. Deshalb warten jetzt schon viele Menschen ungeduldig auf dem Parkplatz neben der Moschee, an dem das neunköpfige Team heute aufbaut. Rund hundert Personen erwarten sie heute, die meisten von ihnen im Rentenalter oder Familien mit Kindern, die sich selbst die einfachsten Medikamente wie Vitamin D, Panadol, Magnesium und Calcium nicht leisten können. In der mobilen Klinik erhalten sie eine Basisgesundheitsversorgung und die benötigten Medikamente. Für spezialisierte Dienstleistungen und Operationen werden Patientinnen und Patienten kostenlos an medizinische Ersthilfeeinrichtungen oder Krankenhäuser überwiesen.

Sozialarbeiterin Maysam springt als erste aus dem umgebauten Nissan, der wie eine Mischung aus Krankenwagen und Schulbus aussieht. Von der Menschentraube, die sich um sie bildet, lässt sich die junge Libanesin nicht aus der Ruhe bringen: »Einer nach dem anderen, bitte zieht eine Nummer und wartet in Ruhe, bis ihr dran seid.« Unterstützt wird sie von Busfahrer Anwar und Touma, der das Begleitauto, das zu jeder Zeit mit der mobilen Klinik unterwegs ist, fährt. Die beiden verteilen Masken und Desinfektionsmittel, messen die Temperatur und vergeben Nummern an die wartenden Patientinnen und Patienten.  

Bestens vernetzt

In der mobilen Klink behandeln die Krankenschwester Lamise und Pfleger Sleiman gemeinsam mit Kinderarzt Dr. Hadi und Feldassistentin Mariane die ersten Patientinnen und Patienten. Feldkoordinator Elias, der das Projekt in Baalbek-Hermel leitet, hält die Menge freundlich in Schach und horcht bei einzelnen Patientinnen und Patienten nach, wie es ihnen geht. Er ist hier bestens vernetzt und kennt die meisten Menschen persönlich. Da er das nicht nur in Nabih Osmane, sondern in der ganzen Region tut, stehen seine beiden Mobiltelefone niemals still.

Medikamente für Ali

Elias stellt mich dem 14-jährigen Ali Hassan und seiner Mutter Asmahan vor. Sie kommen seit Beginn des Projekts in Baalbek-Hermel vor zweieinhalb Jahren zur mobilen Klinik, heute um Alis Erkältungssymptome untersuchen zu lassen. Er hat die Grippe.

Ali, der eine geistige Behinderung hat, leidet an Diabetes und epileptischen Anfällen. Seit mehr als vier Monaten kommt er nicht mehr an seine dringend benötigten Medikamente, erzählt Mama Asmahan. Aufgrund seiner Erkrankungen kann Ali nicht in eine normale Schule gehen. Bis vor einigen Monaten ging er in ein spezielles Zentrum für Kinder mit Behinderungen, doch aufgrund der steigenden Preise kann die Familie die Gebühren von 900.000 Lira nicht mehr stemmen. Zum Vergleich: Der gesetzliche Mindestlohn im Libanon, den viele Krankenschwestern, Pfleger, Lehrerinnen und Lehrer sowie Bedienstete im öffentlichen Sektor verdienen, beträgt rund 675.000 Lira. Das sind an diesem Tag noch etwa 33 Dollar im Monat. Ein Monat Bildung und Betreuung für Ali kostet seine Familie also anderthalb Monatsgehälter. »Da er seine Medizin nicht mehr bekommt, wird er oft krank und wenn er Fieber hat, bekommt er schneller epileptische Anfälle«, berichtet die Mutter. Jetzt sitzt der scheue Junge mit dem freundlichen Lächeln die meiste Zeit zuhause und langweilt sich. »Er ist oft hyperaktiv, rennt plötzlich raus auf die Straße und läuft zwischen die Autos.

Die Nachbarn haben meistens kein Verständnis für Menschen mit Behinderungen und ärgern sich über ihn«, erklärt Asmahan. »Dann ist die ganze Nachbarschaft in Aufruhr.« Weil er anders ist, wird Ali von vielen Kindern in der Nachbarschaft gemobbt. Wenn er in seltenen Fällen dann doch seine Medizin bekommt und sich beruhigt, fragt er seine Mutter: »Warum bin ich anders, Mama?« Die Gesellschaft im Libanon sei noch nicht bereit für Menschen wie ihn, sagt Asmahan und kann nur knapp ein Schluchzen unterdrücken.

Doch hier in der mobilen Klinik ist Ali ein Junge wie jeder andere. Während seine Mutter dem Arzt und den Krankenschwestern seine Erkältungssymptome schildert, springt der Junge im Bus umher. Kinderarzt Dr. Hadi lässt sich davon nicht aus dem Konzept bringen und schafft es, den Jungen mit ein paar fürsorglichen Worten zu beruhigen. Draußen geht Feldkoordinator Elias mit Ali eine Runde spazieren und fährt den Jungen nach der Arztvisite sogar im Begleitauto der mobilen Klinik nach Hause. »Ich habe es ihm versprochen. Und ein Versprechen muss man halten«, ruft Elias lachend, als er mit aufheulendem Motor vom Parkplatz rauscht.

Der Gemeinde etwas zurückgeben

In der mobilen Klinik untersucht Mariane, die Feldassistentin des Teams, gerade die zehnjährige Manal, Tochter einer syrischen Familie, die hier in der Bekaa-Ebene nur mit Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen überleben kann. Manal lispelt und braucht eine Sprachtherapie. »Zeit, sie hier zu therapieren, haben wir hier leider nicht. Aber dafür kann ich sie an eine Sprachtherapeutin überweisen«, sagt Mariane.

Für die 23-jährige Mariane ist die Arbeit in der mobilen Klinik gerade ein Traumjob. Sie ist die neuste im Team und erst seit einem knappen halben Jahr dabei. Als einzige aus ihrem Jahrgang hat sie nur zwei Monate nach ihrem Abschluss in Sprachtherapie einen Job gefunden. Fast all ihre Freunde sind derzeit arbeitslos, die meisten versuchen irgendwie den Libanon zu verlassen. Keine Option für Mariane: »Meine Heimat, meine Familie und Freundinnen und Freunde zu verlassen, ist es mir nicht wert.« Die Feldassistentin will auch weiterhin mit Kindern im Libanon arbeiten. Ihr Traum: Irgendwann in der Zukunft hier ihre eigene Praxis oder sogar Klinik zu eröffnen. »Ich sehe, dass der Bedarf dafür groß ist. Ich will meiner Gemeinschaft etwas zurückgeben.« Viele ihrer Freundinnen und Freunde haben das Land bereits verlassen. Fast jeder Haushalt im Libanon hat heutzutage mindestens ein leeres Zimmer, wo einst ein Bruder, eine Cousine, eine Tochter oder Enkel gelebt haben, die in den vergangenen Jahren das Land für bessere Chancen verlassen haben. Die verlorenen Freundschaften haben auch bei Mariane tiefe emotionale Wunden hinterlassen. »Aber glücklicherweise habe ich hier bei der mobilen Klinik neue Freundinnen und Freunde gefunden«, sagt sie und blickt lächelnd rüber zu Lamise und Sleiman. Sie verstehen sich so gut, dass sie auch nach der Arbeit Zeit zusammen verbringen.

»Wir gehen zusammen wandern, zelten und grillen, wir sind wie eine Familie. Es kommt mir vor, als würden wir uns seit zehn Jahren und nicht erst seit fünf Monaten kennen.« Dass die Arbeit das Team zusammenschweißt, wundert mich nicht. Jeden Tag versorgt die Gruppe über 100 Patientinnen und Patienten auf kleinstem Raum. Eine Mammut-Leistung.

Die Spannungen sind nie ganz verschwunden

Am Nachmittag fährt das Team zurück zur Basis in Ras Baalbek. Der Sonnenuntergang taucht die Bekaa-Ebene in ein tiefes Orange. Vor dem Feierabend wird die mobile Klinik geputzt, die medizinische Ausstattung geprüft und Medikamente neu sortiert. Denn morgen früh geht es schon weiter. Nur sieben Kilometer südlich liegt das überwiegend christliche Dorf Fakeha. Die Spannungen zwischen Christen und Muslimen, Libanesen und Syrern sind seit dem Bürgerkrieg im Libanon nie ganz verschwunden. In diesem komplizierten sozialen Gefüge bewegt sich das Team der mobilen Klink Tag für Tag. »Wir sind uns dessen natürlich bewusst, aber für unseren Alltag spielt das alles keine Rolle«, sagt Elias. »Was für uns zählt ist, dass jeder hier dieselbe gute Versorgung bekommt. Deshalb kommen die Menschen auch zu uns.«

Und so rollt die mobile Klinik auch am nächsten Morgen wieder los. Die wenigen sichtbaren Unterschiede zwischen Fakeha und Nabi Osmane sind, dass hier keine Moschee, sondern eine Kirche im Dorf steht. Die älteren Damen, die hier für ihre Medizin und ihre Untersuchung anstehen, tragen kein Kopftuch, sondern Kreuze um den Hals. Aber die Probleme, die sind genau dieselben: Armut, kein Strom und praktisch keine medizinische Versorgung. Trotz allem lerne ich heute: »Alhamdulillah« (zu Deutsch: »Gott sei Dank«) sagen hier trotz der Krise noch alle – egal ob Christen, Muslime, Syrer oder Libanesen.


Mobile Hilfe weltweit

Auch in der Demokratischen Republik Kongo und in Kolumbien bringen wir mit mobilen Einheiten medizinische Hilfe zu Menschen in entlegenen, schwer zugänglichen Regionen.
In Myanmar, Indien (im Rahmen unserer Covid- Hilfe) und Bangladesch besuchen mobile Teams die Patientinnen und Patienten zuhause, bieten medizinische Beratung und Gesundheitsprävention.
Nach dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine unterstützte eine mobile medizinische Einheit die Versorgung der Flüchtlinge an der ukrainischen Grenze.

Text und Fotos: Tobias Schreiner

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