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Nach dem Erdbeben: „Gebäude, Straßen, Wasser- und Abwassersystem – da war eigentlich alles weg.“

„Von oben mit Blick aus dem Flugzeug dachte ich noch: Warum sind wir eigentlich hier, das sieht doch ganz gut aus. Als wir dann aber gelandet sind und je näher wir an das Epizentrum des Bebens kamen, desto gewaltiger waren die Schäden. Ich würde sagen, dass teilweise bis zu 90 Prozent der Gebäude zerstört waren“, sagt Toni Gärtner, Nothilfe-Experte von Malteser International.

Am Morgen des 14. Augusts wurde Haiti von einem schweren Erdbeben der Stärke 7,2 erschüttert. Mehr als 2.200 Menschen kamen dabei ums Leben, etwa eine halbe Million Menschen sind seitdem zusätzlich auf Hilfe angewiesen. Wenige Tage nach dem Erdbeben fegte zudem ein Tropensturm über das betroffene Gebiet. Toni Gärtner reiste im August in die Krisenregion, um das Team der Malteser vor Ort zu unterstützen und die Bedarfe für die akute Nothilfe zu ermitteln: „Vor Ort bot sich uns ein katastrophales Bild. Allein die Infrastruktur: Gebäude, Straßen, Wasser- und Abwassersystem – da war eigentlich alles weg.“

Das Erdbeben hat vor allem das Département Nippes, etwa 150 Kilometer von der Hauptstadt Port-au-Prince entfernt, hart getroffen. In dieser Region liegt seit vielen Jahren der Schwerpunkt der Projektaktivitäten von Malteser International. Über das Länderbüro konnte bereits in den ersten Tagen nach dem Beben dringend benötigte Hilfe zu den Menschen gebracht werden. „Dass wir so schnell vor Ort helfen konnten ist keine Selbstverständlichkeit. Die Sicherheitslage im Land ist extrem angespannt, es war nicht leicht in die betroffene Region zu gelangen“, berichtet Gärtner.

Immer wieder Rückschläge beim Wiederaufbau

Als Schutz vor dem nahenden Tropensturm verteilten die Malteser Zeltplanen an die Betroffenen, außerdem Lebensmittel und Bargeld, damit sie sich mit dem Nötigsten versorgen konnten. Drei Gesundheitseinrichtungen konnten zudem zeitnah mit neuem Verbrauchsmaterial und Medikamenten ausgestattet werden. „Wir haben viele zerstörte Krankenhäuser und Gesundheitsstationen gesehen – die erkennt man gut, weil sie in Haiti grün und weiß angestrichen sind. Viele dieser Einrichtungen sahen noch neu aus, sind erst vor ein paar Jahren aufgebaut worden. Und nun ist wieder alles kaputt.“ 

Entmutigen lassen sich die Helfer davon nicht: „Wir arbeiten seit Jahren mit den Menschen in der Erdbebenregion zusammen und werden nun konkret dabei helfen fünf Schulen und drei Gesundheitseinrichtungen wiederaufzubauen. Ein weiterer Schwerpunkt unserer Arbeit wird die dringend notwendige Instandsetzung der Wasserversorgung sein und es wird weitere Bargeldhilfen geben“, so Gärtner weiter. Der Wiederaufbau der zerstörten Region wird schwierig: In Haiti koste der Bau eines Hauses zwischen 15.000 und 18.000 Dollar und könne zwischen zehn und 15 Jahre dauern.

Das erneute Erdbeben ist nur einer von vielen Rückschlägen für die Menschen in Haiti. Zuletzt hatte im Jahr 2010 ein massives Erdbeben die Hauptstadt Port-au-Prince getroffen, rund 200.000 Menschen kamen damals nach offiziellen Angaben ums Leben. Die Wiederaufbauarbeiten im bitterarmen Karibikstaat wurden zudem immer wieder von schweren Tropenstürmen zurückgeworfen. Das Land befindet sich in einer politischen Dauerkrise, mehr als die Hälfte der Einwohner lebt unterhalb der Armutsgrenze. Hunger ist ein alltägliches Problem, schon vor dem erneuten Erdbeben waren etwa 4,4 Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen. „Es erdet sehr zu sehen, wie die Menschen mit dieser für Außenstehende aussichtslos erscheinenden Lage umgehen“, berichtet Gärtner. „Sie schauen nach vorne, sagen: Wir bauen wieder auf. Was sollen wir anderes tun? 

„Für die Menschen wiegt besonders schwer, dass neben den Häusern und der Infrastruktur auch wichtige Kulturdenkmäler zerstört wurden."

Interview: Toni Gärtner berichtet vom Nothilfe-Einsatz in Haiti

Als Referent in der Nothilfe: Wie läuft so ein Einsatz im Krisengebiet ab und wie bereiten Sie sich darauf vor?
Wir sind weltweit in entsprechenden Netzwerken engagiert und erfahren in der Regel über Alarmsysteme sehr schnell, wenn sich eine Katastrophe ereignet. Dann gilt es zunächst die Situation einzuschätzen: Wie ist die Lage vor Ort? Wird internationale Hilfe angefordert? Wie können wir helfen? Die Entscheidung über einen Einsatz wird in Abstimmung mit allen betroffenen Abteilungen und der Leitung von Malteser International getroffen. Dann stellen wir ein für den jeweiligen Einsatz passendes Team zusammen. Wir haben bei Malteser International einen sogenannten „Pool of Experts“, das sind freiwillige Experten mit unterschiedlichen Kompetenzen, die einen solchen Einsatz regelmäßig trainieren und im Krisenfall angefragt werden.

Nach Haiti sind Sie gemeinsam mit einem Kollegen aus dem „Pool of Experts“ geflogen. Wie kam es zu dieser Teamkonstellation?
In Haiti haben wir ja ein Länderbüro, das in den ersten Tagen nach der Katastrophe schnell helfen konnte. Die Kollegen vor Ort haben allein aufgrund des Ausmaßes dieser Katastrophe zusätzliche Unterstützung insbesondere bei der Antragstellung und bei der Bedarfsanalyse angefragt. Mein Kollege Bernd Körber aus unserem „Pool of Experts“ hat große Erfahrung in diesem Bereich. Es war aufgrund der Sicherheitslage in Haiti jedoch zu keinem Zeitpunkt eine Option, ein reines Team aus Ehrenamtlichen zu entsenden, daher diese Konstellation mit mir als festangestelltem Mitarbeiter.

Nach dem Erdbeben im Jahr 2010 gab es massive Kritik, insbesondere an der mangelnden Koordination der internationalen Hilfe: Wie haben sie diesen Einsatz erlebt?
Ich war im Jahr 2010 zwar nicht vor Ort, aber von allem was ich gehört habe, lief die Koordination diesmal insgesamt besser als im Jahr 2010. Es gab aber schon Phasen, da kamen wir nicht weiter, weil wir lange auf Rückmeldungen warten mussten und das frustriert dann schon. Man darf allerdings auch nicht zu viel erwarten: Haiti ist ein Land mit ohnehin sehr geringen Ressourcen und wir haben ja selbst in diesem Sommer bei der Hochwasserkatastrophe in Deutschland – einem Land mit ganz anderen finanziellen Möglichkeiten – erlebt, dass im Katastrophenfall nicht alles gleich reibungslos funktioniert.

Was hat Sie vor Ort am meisten beeindruckt und wie gehen Sie mit den Erlebnissen um, wenn es zurück in den Alltag geht? 
Die Einsätze werden bei Malteser International sorgsam vor- und nachbereitet und es gibt zusätzlich auch immer die Möglichkeit, Unterstützung für die Verarbeitung schwieriger Erlebnisse in Anspruch zu nehmen. Besonders beeindruckt haben mich die Gespräche mit den Kolleginnen und Kollegen vor Ort, die viel über die Kultur der Haitianer berichtet haben. Für viele wiegt besonders schwer, dass neben den Häusern und der Infrastruktur auch wichtige Kulturdenkmäler zerstört wurden.

Info: Malteser International in Haiti

Malteser International ist seit dem Erdbeben im Jahr 2010 in Haiti tätig. Der Standort des Teams befindet sich in der Hauptstadt Port-au-Prince mit Projekten in den Orten Petit Trou des Nippes, Baradères, Cité Soleil und Belle Anse. Das Ziel der Arbeit von Malteser International ist es fortlaufend die Infrastruktur in dem Land weiter auszubauen und Menschen dauerhafte Einkommensmöglichkeiten und somit eine stabile Lebensgrundlage zu ermöglichen.

In den vergangenen elf Jahren haben die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Malteser International unter anderem Schulen, ein Gesundheitszentrum und Sanitäranlagen erdbebensicher wiederaufgebaut. Damit die Menschen sich selbst versorgen können, legt Malteser International Nutzgärten an. Außerdem werden Mangrovenwälder aufgeforstet.

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Oktober 2021

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