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Gesichter des Krieges - Schilderungen aus Mariupol

Flucht aus Mariupol

Kateryna Suchomlynova war bis zu Beginn des Krieges in der Ukraine so vieles: Mitarbeiterin der Malteser in Mariupol, Rettungssanitäterin, Mitglied im Stadtrat und Ehrenamtliche in der Vereinigung der örtlichen Polizei. Heute ist die 44-Jährige eine von Millionen Geflüchteten aus der Ukraine und heimatlos. Aber noch immer ist Kateryna Suchomlynova vor allem eines: Eine starke Frau. Unermüdlich reist sie, gemeinsam mit ihrer 17-jährigen Tochter durch Europa und berichtet über das, was sie in Mariupol während der ersten Wochen des Krieges erlebt hat.

„Ich bin eine Botschafterin. Die Menschen müssen aus erster Hand erfahren, was in Mariupol passiert, was in diesem Krieg vor sich geht“, sagt sie.

Bevor der Krieg Ende Februar begann, arbeitete Suchomlynova in Mariupol für die Malteser. Dort betreute sie Kinder mit Behinderungen, Waisen und alle Kinder und Jugendliche, die die Unterstützung der Hilfsorganisation benötigten. Seit dem Ausbruch der Pandemie wurden es immer mehr, denn die wirtschaftlichen Folgen waren in vielen Familien zu spüren. Seit 2020 verteilten die Malteser daher z.B. auch Lebensmittel an diese Familien. Ebenso bot Kateryna gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen Erste-Hilfe-Kurse in der Einrichtung der Malteser an. „Gute Stube“, so hieß das Büro, in dem Kateryna Suchomlynova arbeitete, bis es kurz nach Beginn des Krieges Anfang März zerbombt wurde.

 

Brücke unter ständigem Beschuss

Als die 44-Jährige kein Büro mehr hatte, ging sie auf die Straße und half den Menschen, die ihre Hilfe brauchten. „Ich sammelte Verletzte in den Straßen auf und brachte sie ins Krankenhaus. Aber das wurde immer schwieriger, denn um dorthin zu gelangen, musste ich mit ihnen eine Brücke überqueren. Und die war unter ständigem Beschuss der russischen Streitkräfte.“

Tote, Leichen auf der Straße und in den Wohnungen – Suchomlynova hat viele gesehen. Diese Bilder wird sie nicht vergessen. „Niemand traute sich mehr aus den Häusern. Leichen lagen in den Wohnungen und keiner wagte, sie zu beerdigen. Zu groß war die Angst, dass die Angehörigen beim Wegbringen der Toten auf der Straße erschossen werden würden“, berichtet sie.

Anfang März brachte Kateryna eine Schwangere ins Krankenhaus. Die Mutter, die Zwillinge erwartete, wollte ihre drei Kinder mitnehmen, aber Kateryna bat sie darum, sie bei den Nachbarn zu lassen. Es war zu riskant, die Kinder durch das Kriegsgebiet zu fahren. Unter Tränen verabschiedete sich die Mutter von den Kindern. „In diesem Augenblick wusste niemand von uns, ob die Kinder ihre Mutter jemals wiedersehen würden“, sagt Kateryna.

Im Krankenhaus gab es keinen Inkubator für die Zwillinge. Der Weg zum nächsten Krankenhaus war zu gefährlich. Und so trafen die Ärztinnen und Ärzte die Entscheidung, dass sie nur eines der beiden Babys retten könnten. Oder keins. „Dieser Augenblick war schrecklich. Ich weiß nicht, ob die Mutter überlebt hat. Ob die Babys überlebt haben oder ob wenigstens eines eine Chance auf Leben bekommen hat. Ich musste weiter“, berichtet Kateryna.

Anfangs hatte die ehemalige Malteser-Mitarbeiterin noch ein Auto zur Verfügung, aber irgendwann gab es kein Benzin mehr und so machte sie sich zu Fuß auf den Weg, um zu helfen. „In einem Auto am Straßenrand qualmte es. Ich schaute hinein und sah einen Mann, der tot war, eine Frau war neben ihm, schwer verletzt. Am Straßenrand saß ein 16-jähriges Mädchen. Beim näheren Hinschauen erkannte ich, dass ihre Hand verletzt war. Als ich sie verbinden wollte, entdeckte ich ein Loch in ihrem Nacken. Ich weiß noch, dass ich mich fragte, wie sie überhaupt noch am Leben sein kann und wie ihr Kopf in der Lage ist, sich zu halten. Es war schrecklich“, sagt Kateryna.

„Niemand kann sich vorstellen, wie es ist, im Krieg zu leben, wenn man es nicht selbst erlebt hat.“

Die Mutter des Mädchens, die verletzt im Auto saß, bat sie, sich um das Mädchen zu kümmern. Und so riss Kateryna ihre Jacke in zwei Teile, verband das Mädchen notdürftig und brachte sie in das Krankenhaus. „Heute haben wir Kontakt. Sie hat tatsächlich überlebt. Ein Wunder.“ Was aus der Mutter geworden ist und was mit der Leiche des Vaters passiert weiß Suchomlynova nicht. Auch ihre Tochter hat keinen Kontakt mehr zur Mutter. Als Suchomlynova zum Auto zurückkehrte waren der Leichnam und die Schwerverletzte weg.

Mitte März, drei Wochen nachdem der Krieg über die Menschen in Mariupol hereinbrach, musste Suchomlynova aus Sicherheitsgründen das Land verlassen. Gemeinsam mit ihrem Mann, ihrer 17-jährigen Tochter und einer weiteren Familie flohen sie in zwei Autos aus Mariupol. Ihr Mann blieb, wie die meisten Männer zwischen 18 und 60 Jahren, in der Ukraine. Sie selbst ging mit ihrer Tochter über die Grenze nach Polen.

Aber sie möchte weiter. Sie ist ruhelos und getrieben von dem Wunsch, den Menschen in ihrer Heimat zu helfen, indem sie über die Gräueltaten in der Ukraine, die sie persönlich erlebt hat, berichtet. Damit dieser Krieg ein Ende nimmt.

„Niemand kann sich vorstellen, wie es ist, im Krieg zu leben, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Jeder Film, jede Dokumentation zeigt nur einen Bruchteil dessen, was tatsächlich passiert. Die Wirklichkeit ist unvorstellbar grausam. Aber eines Tages wird es in der Ukraine wieder Frieden geben. Solange dies nicht der Fall ist, werde ich über die Gesichter des Krieges berichten“, sagt Kateryna Suchomlynova.

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