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Wie Oksana L. Menschen beim Neuanfang hilft

Psychosoziale Hilfe für Vertriebene in der Ukraine

Oksana L., Leiterin des Malteser Zentraums für psychosoziale Betreuung und seelische Gesundheit in Severodonetsk (Donbass). Foto: Pavlo Titko/Malteser Ukraine
Oksana L., Leiterin des Malteser Zentraums für psychosoziale Betreuung und seelische Gesundheit in Severodonetsk (Donbass). Foto: Pavlo Titko/Malteser Ukraine

„Sich selbst zu bedauern ist ein leidiger Trost. Wenn Du Dein Leben nicht ändern kannst, musst Du Deine Einstellung zum Leben ändern“ - so das Motto der 38 jährigen Psychotherapeutin Oksana L. (verheiratet, zwei Kinder), die unser Zentrum für psychosoziale Betreuung und seelische Gesundheit in der Stadt Sjewjerodonezk in der Region Donbass leitet. Als ihre Heimatstadt 2014 von Separatisten eingenommen wurde, floh sie selbst mit ihrer Familie nach Weißrussland. Für die Versorgung ihrer Pferde, die sie insbesondere zur Therapie mit Kindern einsetzt, schickte sie während ihrer Flucht regelmäßig Geld in die Ukraine. Mittlerweile ist Severodonetsk wieder in Regierungshand und Oksana kümmert sich um die Vertriebenen, die dort aus den jetzigen Separatistengebieten ankommen.

„Seit Juli 2015 arbeite ich für die Malteser in Sjewjerodonezk“, erzählt Oksana. „Unser Zentrum hier wurde am 1. August eröffnet. Rund 47.000 Vertriebene leben derzeit in der Stadt, das ist ungefähr ein Drittel der Bevölkerung. Viele von ihnen haben keinerlei Hoffnung mehr, nochmals in ihre Heimatorte zurückkehren zu können. Dennoch träumen sie jeden Tag von der Heimkehr. Für sie ist es besonders wichtig, ihr jetziges Leben in irgendeiner Weise mit ihrem früheren Leben zu verknüpfen. Oft sagen sie: ‚Machen wir es wie zuhause!‘ Auf ihre Initiative gehen unsere gut besuchten Yogagruppen sowie unsere Frauen- und Handarbeitsclubs zurück. Auch unser Diskussionsclub ist sehr beliebt. Es ist wichtig, dass die Menschen in ihrer Situation nicht allein bleiben, sondern Möglichkeiten haben, sich auszutauschen, Fragen und Probleme zu besprechen oder manchmal sogar miteinander zu streiten.“ Monatlich kommen durchschnittlich 70 Vertriebene in das von den ukrainischen Maltesern in Zusammenarbeit mit dem psychologischen Krisendienst Kiew betreute Zentrum. Es werden Einzel- und Gruppengespräche angeboten. Die verschiedenen Gruppen und Clubs haben rund 30 regelmäßige Teilnehmer.

Insbesondere für die Therapie von Kindern setzt Oksana seit kurzem auch wieder ihre Pferde ein. Foto: Pavlo Titko/Malteser Ukraine
Insbesondere für die Therapie von Kindern setzt Oksana seit kurzem auch wieder ihre Pferde ein. Foto: Pavlo Titko/Malteser Ukraine

Seit kurzem setzt Oksana auch wieder ihre Therapiepferde ein. Vor dem Krieg hatte sie 2013 bereits ihr eigenes Zentrum „Neuer Horizont“ für die Behandlung von verhaltensauffälligen Kindern mit Pferden gegründet. „Therapeutisches Reiten ist für mich die effektivste Art, um psychische und physische Erkrankungen zu behandeln“ erklärt sie. „Pferde sind sehr treue und kluge Tiere. Insbesondere den Kindern tut der Kontakt mit den Tieren gut. Sie lernen, ihre Ängste zu überwinden, wenn sie sich erst einmal trauen, auf das Pferd zu sitzen. Das therapeutische Reiten trainiert nicht nur die Haltung und das Gleichgewicht der Kinder, sondern dient auch der Muskelentspannung und hilft ihnen, ihren Alltag zu bewältigen. Zudem sind die Pferde auch eine wichtige Hilfe für mich, denn sie erleichtern mir den Zugang zu meinen kleinen und großen Patienten mit ihren Nöten und Sorgen.“

"Als die Kämpfe und Bombardierungen zunahmen, flüchtete ich ebenfalls nach Kiew"

Doch als der Krieg im März 2014 auch nach Donetsk kam, veränderte er alles: „Überall waren Militär und Kontrollposten“, so Oksana. „Die Menschen hatten große Angst, auf die Straße zu gehen. Das Schuljahr wurde vorzeitig beendet, die Kinder wurden in sichere Gebiete verschickt. Wir schickten unsere Kinder zu meinem Vater nach Kiew. Ich blieb zunächst zurück, um mich um meine Pferde zu kümmern. Doch als die Kämpfe und Bombardierungen zunahmen, flüchtete ich ebenfalls nach Kiew. Nach sechs Wochen beschlossen wir, nach Weißrussland zur Mutter meines Mannes zu fahren. Ich wollte mit meiner Familie an einem Ort sein, wo nicht geschossen wurde und ich arbeiten und Geld verdienen konnte. Schließlich musste ich meine Kinder ernähren und für meine Pferde sorgen. Doch zuerst musste mein Mann von zuhause nachkommen. Eine ganze Woche lang hatten wir keinerlei Verbindung, weil die Menschen Tag und Nacht in ihren Kellern sitzen mussten.  Es war die Woche der Tränen. Erst am letzten Tag der Bombardierungen gelang es meinem Mann, die 17 Kontrollposten zu passieren, die Stadt zu verlassen und uns in Kiew abzuholen. Endlich war unsere Familie wieder zusammen!“

Für die Arbeit mit Kindern gibt es auch speziell eingerichtete Therapiezimmer. Foto: Pavlo Titko/Malteser Ukraine
Für die Arbeit mit Kindern gibt es auch speziell eingerichtete Therapiezimmer. Foto: Pavlo Titko/Malteser Ukraine

Zunächst sollte es nur ein kurzer Aufenthalt in Weißrussland sein. Doch letztlich wurde ein ganzes Jahr daraus. Oksanas Kinder gingen dort zur Schule, sie und ihr Mann arbeiteten, um die Familie zu ernähren und ihren finanziellen Verpflichtungen zuhause für die Miete und Versorgung der Pferde nachzukommen. Es war eine sehr schwierige Zeit, das Geld reichte nie und die Familie wohnte zu fünft in einer Einzimmerwohnung. „Ich litt sehr unter der Situation und hatte große psychische Probleme, den Alltag zu meistern. Das Gefühl der Hoffnungslosigkeit war zu dieser Zeit übermächtig in mir“, so Oksana über ihre Zeit in Weißrussland. „Doch letztlich brauchte ich dieses ganze Jahr in Weißrussland und den Abstand von zuhause, um seelisch wieder zu gesunden und Kraft zu tanken. Erst als es mir wieder besser ging, kehrte ich mit meinen Kindern in die Ukraine zurück. Mein Mann arbeitet immer noch in Weißrussland.“

Über eine Freundin erfuhr Oksana bei ihrer Rückkehr von dem neuen Zentrum für die psychosoziale Betreuung von Vertriebenen in Sjewjerodonezk: „Mein Interesse war sofort geweckt. Ich hatte nur noch den großen Wunsch, diesen Menschen zu helfen. Denn ich wusste ja aus eigener Erfahrung, zu welchen Belastungen Vertreibung, Flucht und das Leben in der Fremde führen. Daher kann ich heute auch dankbar dafür sein, dass ich das alles selbst erfahren und meistern konnte. Wenn ich den Menschen, die zu uns kommen, helfen kann, ihre Einstellung zum Leben zu ändern, werden wir gemeinsam auch Lösungen für ihre Probleme finden und die Fremde kann allmählich zu einer neuen Heimat für sie werden.“

Interview: Pavlo Titko/Petra Ipp-Zavazal (Oktober 2015)

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