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#MomentsOfHome: „Unser Haus zu verlieren, fühlte sich wie Sterben an“

„Unser eigenes Haus war mit allem möbliert, es war unser Königreich. Wir hatten 25 Jahre lang daran gearbeitet, es gebaut und immer wieder verbessert. Alle meine eigenen Erinnerungen und die der Kinder waren in dem Haus. Es zu verlieren, fühlte sich wie Sterben an. Ich hatte viele Träume, meine Söhne sollten dort heiraten und nahe bei uns wohnen.“ Iman Al-Mahmoud, die als Gesundheitshelferin bei unserer Partnerorganisation, der Independent Doctors Association (IDA) arbeitet, musste ihr Heimatdorf Marat Naasan in der Region Idlib im Jahr 2019 verlassen und lebt seitdem im Camp Halab Labeeh für intern Vertriebene.

„Ich habe ein paar Tage nach unserer Flucht erfahren, dass unser Haus während der Bombardierung zerstört wurde. Man hat mir ein Video davon geschickt. Als ich das gesehen habe, fühlte ich mich so schlecht. Es ist schwer sein Haus und seine Heimat zu verlieren, ohne Hoffnung auf eine Rückkehr zu haben“, sagt die 42-Jährige. Die Situation machte der Mutter von drei Kindern schwer zu schaffen: „Zu dieser Zeit bekam ich hohen Blutdruck und mein Herz blieb fast stehen. Nur Allah gab mir die Kraft weiterzumachen“, sagt sie und kämpft mit den Tränen.

Leben auf der Flucht belastet Gesundheit und Psyche

Das Leid, das die Menschen in den umkämpften Gebieten erleben mussten, belastet viele noch immer, und das zeigt sich häufig auch in körperlichen und seelischen Beschwerden: „Ich konnte mich nicht von meiner Mutter verabschieden als sie starb. Auch als mein Bruder und meine Schwester verstarben und alle anderen“, sagt Najah Um Abdullah, die ihre Heimatstadt Tal Rifaat, im Norden Syriens, vor sieben Jahren verlassen musste und seitdem mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen in einer provisorischen Unterkunft im Camp Bab Al-Salama nahe der syrisch-türkischen Grenze lebt.  

Die Familie kann das Camp nicht verlassen und hält sich die meiste Zeit in ihrem Zelt auf. Die Situation wirkt sich belastend auf die Psyche und die Gesundheit der Eltern aus: „Mein Mann hatte in den vergangenen vier Jahren zwei Herzattacken, ich habe drei Knochenbrüche im Arm“, berichtet die 50-Jährige. Kraft gebe ihr ihr Glaube und das Glück, dass sie weiter mit ihrem Mann und ihren Söhnen leben könne.

Die Arbeit hilft, sich abzulenken und nach vorne zu schauen

Zu den erlebten Traumata kommt häufig die Angst um die eigene Zukunft und die der Kinder. Was tun Menschen, um in solch ausweglosen Situationen dennoch nach vorne zu schauen? Für den 34-jährigen Omar Al-Ali, der aus der Stadt Alrastan in der ländlichen Gegend um Homs stammt und als medizinisch-technischer Assistent im Krankenhaus Wassim Ma‘az unserer syrischen Partnerorganisation IDA im Norden Aleppos arbeitet, ist es die Arbeit, die ihm ein Gefühl von Zugehörigkeit gibt. Er sagt: „Vielleicht haben wir dank der Kollegen und Freunde, die wir hier bei der Arbeit haben, Hoffnung. Die Kollegen sind ein wenig wie die Familienbindung, die wir vor der Flucht hatten.“

Auch für Iman Al-Mahmoud ist ihre Arbeit als Gesundheitshelferin wichtig – nicht nur, um den Lebensunterhalt für ihre Familie zu bestreiten. „Wenn ich sehe, wie es den Kindern, denen wir helfen besser geht, dann freut mich das sehr.“

Malek Maznook, der mit seinen beiden Söhnen seit drei Jahren im Camp Bab Alsalama lebt, hat noch eine weitere Strategie, um sich auf der Flucht ein wenig heimischer zu fühlen: „In meinem Haus hatten wir eine Menge Pflanzen. Wir pflanzten sie auf unserem eigenen Land an“, erinnert sich der 40-Jährige. „Obwohl wir jetzt in einem Zelt leben, haben wir Blumen gepflanzt, um uns an den Geruch unserer alten Farm zu erinnern“.

(November 2021)

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