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#NotATarget - Tag der humanitären Hilfe 2017

Täglich riskieren unsere Mitarbeiter ihr Leben, um bedürftigen Menschen weltweit ein Leben in Gesundheit und Würde zu ermöglichen. In den vergangenen Jahren sind humanitäre Helfer immer mehr zur Zielscheibe gewalttätiger Angriffe geworden. Anlässlich des Humanitären Welttags 2017, haben wir mit Emmanuela Gore gesprochen, die zuvor selbst auf humanitäre Hilfe angewiesen war und heute Projektmitarbeiterin im Südsudan für Malteser International ist. Sie erzählt uns ihre Geschichte, wie sie von einer Hilfsempfängerin zu einer humanitären Helferin geworden ist, die unter gefährlichen Bedingungen arbeitet.Ich bin in Juba aufgewachsen und aufgrund der damaligen politischen Instabilität war meine Kindheit ziemlich miserabel. Im Jahr 1983, als die Sudanese People Liberation Army dabei war, ein autonomes Südsudan zu gründen, brach der Bürgerkrieg aus. Und bis zum Jahr 1988 war dann das gesamte Land von der Hungersnot betroffen. Ich habe selbst miterlebt, wie zahlreiche Familien nicht genug zu essen hatten. In meinem ersten Schuljahr 1989 bin ich den langen Weg zur Schule oft auf leerem Magen gegangen. Nachdem ich dann nur knapp einem Angriff in meinem Viertel entkommen bin, ist meine Familie in die sudanesische Hauptstadt Khartum geflohen. Am Anfang war es für uns nicht leicht: Wir waren in Camps für Binnenvertriebene untergekommen und hatten kaum genug zu essen. Ich hatte Glück, als mein Vater meine Schwester und mich in einer Schule in Khartum anmeldete. Dort habe ich dann meine restliche Kindheit verbracht und die Schule abgeschlossen. 2011 ist der Südsudan schließlich ein unabhängiges Land geworden.

Ich habe lange davon geträumt, im Ausland zu studieren und einen guten Job zu finden, mit dem ich dann meine armen Eltern und Geschwister unterstützen kann. Schließlich war ich schon immer davon überzeugt, dass eine gute Bildung der Schlüssel ist, um sich aus der Armut zu befreien. Also begann ich mich zu informieren, wie ich mein Studium im Ausland fortsetzen könnte. So bin ich auf das DAAD-Stipendienprogramm gestoßen. Daraufhin habe ich mich dafür beworben und bekam kurz darauf das Angebot, in Deutschland zu studieren.

Als Staatsangehörige eines Landes, das sich im Krieg befindet, war mein Anfangsplan, nach meinem Studium wieder in meine Heimat zurückzukehren und dort zur Entwicklung des Landes beizutragen. Und da ich zuvor selbst Hilfsempfängerin war, weiß ich, wie das Hilfssystem funktioniert und habe auch gesehen, was passiert, wenn Hilfe und Entwicklungsprojekte nicht bei den Menschen ankommen, die sie benötigen. Also beschloss ich, wenn immer möglich die hilfsbedürftigen Menschen zu unterstützen. Und hier bin ich nun, als Teil von Malteser International und trage meinen Teil dazu bei, den Bedürftigen Hoffnung zu schenken.

Doch die Sicherheitslage im Südsudan ist zurzeit instabil und auch ziemlich unberechenbar. Straßensperren, Schießereien und direkte Angriffe werden fast täglich vermeldet. Selbst für mich als Südsudanesin ist fehlende Sicherheit immer noch eins der größten Probleme, das mir in meinem Arbeitsalltag als humanitäre Helferin begegnet. Anfang dieses Jahres wurden lokale Mitarbeiter einer internationalen Hilfsorganisation durch bewaffnete Rebellen in Meyendit gekidnappt. Wenige Tage später kamen bei einem Angriff auf einen humanitären Hilfskonvoi in Yirol East ein Gesundheitsmitarbeiter und ein Patient ums Leben. Und es wurden bei einem weiteren Angriff, sechs Helfer getötet, die auf dem Weg von Pibor nach Juba waren. Unter diesen Bedingungen zu arbeiten kann einen sehr traurig stimmen und entmutigen.

Als Frau ist die steigende Anzahl sexueller Übergriffe und von Gewalt gegenüber humanitärer Helferinnen viel besorgniserregender. Im letzten Jahr hat eine Gruppe Soldaten in Juba mehrere humanitäre Helferinnen vergewaltigt. Seitdem hat die Regierung Maßnahmen für mehr Sicherheit in der Stadt ergriffen. Doch in anderen Teilen des Landes herrscht noch großer Handlungsbedarf im Bereich der Sicherheit. Trotz der Sicherheits-Trainings, die ich erhalten habe, fürchte ich mich, wenn ich daran denke, dass mir jederzeit und an jedem Ort etwas passieren kann.  Doch ich besitze das Privileg, der großen Not in meinem Land durch meine Arbeit bei Malteser International entgegenzuwirken. Die Stärke unserer Hilfsempfänger inspiriert und motiviert mich jeden Tag aufs Neue. Da ich weiß, wie es sich anfühlt, Not zu erleiden, ist es nicht nur meine Arbeit, sondern vielmehr mein Lebensziel geworden, den Menschen zu helfen, ihr Recht auf ein würdevolles Leben einzufordern. 

Das Interview führte Michael Etoh; Übersetzung: Maria Claudia Hacker (August 2017)


Emmanuela Gore ist Projektmitarbeiterin bei Malteser International im Südsudan

„Die Sicherheitslage im Südsudan ist instabil…doch ist es meine Lebensaufgabe geworden, den Menschen zu helfen, ihr Recht auf ein würdevolles Leben einzufordern.”


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